Dienstag, 17. Juli 2012

Café Kranzler, Berlin

Café Kranzler KurfürstendammDas mondäne Café Kranzler residierte bis zum Jahre 2000 auf allen Etagen und war die erste allererste Adresse in Sachen Kaffeehauskultur (siehe Postkarte oben aus den 60er Jahren) in Berlin. Damals hieß es noch Allerortens: „Draußen nur Kännchen.“ Das hat sich, dem Kaffeegott sei Dank, seit Einführung des Milchkaffees und des Cappuccinos von selbst erledigt. Man flanierte über den Kurfürstendamm und setzte sich zum Verweilen in das Straßencafé des Kranzlers, um dem bunten Treiben der Großstadt bei einer Tasse Bohnenkaffee zuzuschauen. Unvergesslich ist selbstverständlich der Auftritt der Kabarettlegende Wolfgang Neuss im Café Kranzler, das 1983 als Kulisse für die SFB-Talkshow „Leute“ diente, als er den Bundespräsidenten in spe, Richard von Weizsäcker, duzte und mit „Ritchie“ ansprach. Leider gehören diese schönen Zeiten der Erinnerung an und nichts mehr ist vom früheren Charme vorhanden. Nur der Name existiert noch – leider!
Mangotorte Café Kranzler
Übrig geblieben vom einst renommierten Café Kranzler ist lediglich nur noch die oberste Etage. In den restlichen Räumen hat sich eine Textilkette mit hässlicher Mainstream-Mode breit gemacht. Wenn man das Café mit der veralteten Einrichtung ohne Atmosphäre betritt, fällt einem ein Schild an der Wand auf: „Erdbeerbecher 7,90 €“. Aua! Wahrscheinlich wird er statt mit Krokant mit Swarovski-Steinen bestreut?
Noch etwas fiel negativ auf: Die Tortenvitrine steht nicht direkt an der Theke, sondern weit davon weg im Flur. Dort sind die Torten so lieblos untergebracht, wie Raubmörder in einer Justizvollzugsanstalt. Da ahnt man schon, dass hier die Kaffeehauskultur nicht sehr ernst genommen wird. Und richtig! Das obligatorische (kostenlose) Glas Leitungswasser zum Milchcafé wurde mir verwehrt. Den Zweck durchschaut man schnell. Es soll stattdessen das überteuerte Mineralwasser in Flaschen gekauft werden. Ich berichtete schon einmal hier in diesem Blog über einen ähnlichen Fall. Doch leider ist das etwas zu kurz gedacht. Dadurch verärgert man seine Gäste, die dann nie wieder kommen und so hat man überhaupt keinen Gewinn in der Kasse. Und obendrein ist das keine schöne Werbung für unsere wundervolle Stadt Berlin. Denn der eine oder andere Offenbacher Tourist wird das natürlich zu Hause rum erzählen: „Doa gibt‘s nedd emol ein Gloas Kraanewassä zum Kaffee…“ und der Bayer wird nur knapp bemerken: „Damische Saupreißn, damische.“
Für alle, die es nicht wissen: Das mit dem Kaffee servierte Glas Wasser dient dazu, die Geschmacksknospen auf den Kaffeegeschmack vorzubereiten. Ein guter Kaffee schmeckt nämlich noch besser, wenn man vorher Mund und Kehle mit einem oder zwei Schluck kühlem Wasser spült und erfrischt. Wenn dem Gast dieses verwehrt wird, ist das ein Zeichen von Unkenntnis der Kaffeekultur. Es ist allerdings ein Irrglaube, dass man zum Kaffee Wasser trinken soll, weil der Kaffee dem Körper Wasser entzieht. In sehr guten Kaffeehäusern bringt der Kellner einem bei längerem Aufenthalt auch noch unaufgefordert Wasser nach. In meinem kleinen Stammcafé Reet am Klausenerplatz ist es schon immer gang und gäbe, dass es zu jedem Kaffee ein Glas Leitungswasser serviert wird. Das hat Stil, das hat Klasse!
Die bestellten Torten waren nichts besonderes. Auf dem Stück Erdbeertorte meiner Begleiterin befanden sich so wenig Erdbeeren wie Sonnenstudios in der Wüste Gobi. Die Erdbeeren wurden sicher für den überteuerten Erdbeerbecher gebraucht. Ich hatte ein unspektakuläres Stück Mangotorte (s. Foto oben links), die ich aus ihrem Gefängnis im Flur befreite. Aber es dankte mir nicht mit gutem Geschmack.
Dass sich die Toiletten in der Tiefgarage befinden, rundet das negative Bild dieses Ladens nur noch ab. Man muss, wie in einem Alfred-Hitchcock-Film, durch unheimlich wirkend leere Gänge laufen, bis man die WCs findet. Und dann muss man mit dem Lift wieder ein paar Etagen nach oben fahren, vorbei an der  hässlichen Mode. Alles in allem – ein gruseliger Besuch – aber auch mein letzter.

Café Kranzler Berlin, Kurfürstendamm 18, 10719 Berlin, täglich 8:30 – 20 Uhr

Sonntag, 15. Juli 2012

Brust rein, Bauch raus

Montagmorgen im Olympiabad. Zwei Männer und eine Frau unterhalten sich über ihr Schwimmen vom Vortag. Die Männer klagen über Muskelkater im Bauchbereich. Sagt die Frau: "Das kommt nur davon, dass ihr hier immer eure Bierbäuche einzieht."
Diese von mir persönlich erlebte und aufgeschriebene Geschichte erschien am 15.07.2012 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste". 

Sonntag, 8. Juli 2012

Von Kopf bis Fuß

Montagnachmittag, ein Herrenausstatter in der Wilmersdorfer Straße. In der Oberhemdenabteilung hört man plötzlich eine vertraute Stimme. Tatsächlich: Es ist Klaus Wowereit, der zusammen mit seinem Lebenspartner Hemden aussucht. 20 Minuten später fragt in der Schuhabteilung jemand: "Wie sind denn die?" Wieder die bekannte Stimme...
Diese von mir persönlich erlebte und aufgeschriebene Geschichte erschien am 8.07.2012 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".

Sonntag, 1. Juli 2012

Kinder der Nacht

Samstagabend in der S5 in Mitte. Eine schwarzgekleidete junge Frau Anfang 20 fragt höflich, wie spät es sei. Als ihr ein Mann antwortet, dass es zehn nach Neun sei, erwidert sie: “Morgens oder Abends?”

Diese von mir persönlich erlebte und aufgeschriebene Geschichte erschien am 1.07.2012 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".

Montag, 25. Juni 2012

Für mich soll`s Rosenbrötchen regnen…

Heute möchte ich mal eine Lanze für die kleinen Bäckereien in unserem Lande brechen, die täglich um ihr Überleben kämpfen, während die großen Bäckereiketten, von Gier getrieben, sich aufblähen wie Hefeteig um dann irgendwann einmal zusammenfallen wie ein altes Zirkuszelt, Insolvenz anmelden und tausende von treuen Mitarbeitern auf die Straße ins Hartz-4-Leben entlassen, während die Chefs ihre Porsche weiterfahren. Das hat das Beispiel Schlecker ja gezeigt. Es spricht viel Rosenbrötchendafür, lieber bei dem kleinen Bäcker seines Vertrauens zu kaufen, als einen Haufen Chemie in der Brötchentüte nach Hause zu tragen.
Zum Beispiel mein Bäcker Bernhardt fertigt alle Backwaren noch von Hand, lässt den Teig in Ruhe reifen, setzt auf hochwertige Rohstoffe und nicht auf Backmischungen oder Tiefkühl-teiglinge, wie in den Ketten, salzt ausschließlich nur mit Meersalz, Eier von freilaufenden Hühnern sind selbstverständlich und es kommt nur Mehl aus biologischer Erzeugung aus der Umgebung zum Einsatz. Übrigens: Kennen Sie den Unterschied zwischen einer Trompete und einer Mehltüte? Nicht? Dann blasen Sie mal rein. Spaß bei Seite.
Die Rosenbrötchen (s. Foto oben) bei Bäcker Bernhardt schmecken noch wie in der Kinderzeit, als es noch keine Bäckereiketten gab und selbst die normalen Brötchen schmecken auch ohne etwas drauf himmlisch! Daran hat die Chemische Industrie von Bayer Leverkusen garantiert nichts Linzer Torteverdient. Wenn man einmal diese Backwaren gegessen hat, ekelt man sich regelrecht von den Chemiekeulen der Bäcker-eiketten. Oder der Kuchen! Zum Beispiel die Linzer Torte (nur 1,70 EUR das Stück!) ist soooo gut – eine bessere habe ich außerhalb von Linz noch nie gegessen. Und das ist jetzt nicht übertrieben (s. Foto). So stelle ich mir das Paradies vor: Linzer Torte fliegt einem direkt in den Mund und vom Himmel regnen Bernhardts Rosenbrötchen.
Bitte, liebe Leserin und lieber Leser, geben Sie lieber etwas mehr Geld für Ihre Backwaren aus. Dafür bekommen sie korrekte Ware die gut schmeckt und auch noch umweltfreundlich ist. Und ein kleiner Handwerksbetrieb kann Überleben. So, das waren jetzt aber mehrere Lanzen. „Wo werden wir tanzen?“ sprachen die Lanzen. Nichts ist, Marsch ins Bett! Damit ihr ausgeruht seid, für den nächsten Blog-Beitrag. 

Bernhardts Bäckerei, Knobelsdorffstr. 39, 14059 Berlin, Geöffnet von Montag bis Freitag: 06:30 Uhr - 18:00 Uhr, Samstag: 06:30 Uhr - 13:00 Uhr, Sonntag: 07:30 Uhr - 12:00 Uhr, Tel.: 030-321598 www.bernhardtsbaeckerei.de

Donnerstag, 14. Juni 2012

Frozen Cupcake für Madonna

Niki's Cakes Frozen Cupcake
Flughafenpleite, Hertha-Abstieg, S-Bahn-Chaos – hier in Berlin geht es ganz schön heiß her. Da braucht man ab und zu eine Abkühlung. Was ist aber, wenn es 30 Grad im Schatten sind und man Lust zwar auf ein Eis hat, aber auch auf sein tägliches Stück Kuchen nicht verzichten will? Für Niki's Cakes Nikidiese Leute hat Herr Niki, der „Daniel Düsentrieb der Cupcakes“, in seiner Erfinderwerkstatt etwas ausgetüftelt, das sensationell lecker schmeckt: den „Frozen Cupcake“! Es ist ein normaler Cupcake - aber statt einer Cremehaube auf dem üblichen Rührteig hat der „Frozen Cupcake“ eine Eishaube aus wunderbar erfrischend, leichtem Jogurt-Eis. Die Verbindung der frischen kühlen Früchte, mit dem Jogurteis und dem Teig gleicht einer Hochzeit – eine ideale Verbindung. Ein Geschmackserlebnis, mit dem man einen Sommertag noch mehr genießen kann. Den ganzen Sommer über wird Niki's Cakes detaildiese gelungene Erfindung mit täglich wechselnden frischen Früchten serviert, die nicht nur die optischen Akzente setzen, sondern auch noch erfrischen und gesund sind. 
Ich bin schon seit längerer Zeit sehr zufriedener Gast bei Niki’s Cakes und berichtete am 7. Februar unter der Überschrift „Barbie’s Kuchenladen“ in diesem Blog schon einmal. Und nicht zuletzt wegen der herzlichen Atmosphäre und des guten Kaffees bin ich immer wieder gerne hier in der Windscheidstraße 1 anzutreffen. Ich habe hier mal den besten New York Cheesecake der Welt gegessen! Beim Essen vergaß ich total, wie ich hieß. Später fiel es mir wieder ein – ach ja, ich bin ja der Tortengraf , aber das ist ja nur mein Glucosename. Das aber nur nebenbei bemerkt. 
Und während ich draußen vor Niki’s Cakes meinen Frozen Cupcake genoss, erlebte ich so ganz nebenbei noch ganz, ganz großes Kino: Es hielt nämlich plötzlich am Straßenrand ein schwarzes BMW-Cabrio, aus dessen Musikanlage laute Musik von „Madonna“ dröhnte. Ein Arbeiter mittleren Alters in blauer Latzhose, der gerade vom Nachbarhaus die Lichtreklame eines pleitegegangenen Modegeschäfts abmontierte, brüllte dem schwarzpomadigen Fahrer mit Pornosonnenbrille zu: „Manno, wat jault denn die Olle da im Radio? Gib‘ der ma‘ ‘ne Stulle!“ 
P1010434Oder ein „Frozen Cupcake“ vielleicht? Herrlich! Fast hätte ich mich verschluckt vor Lachen. 
So, nun kann der Sommer kommen. Und wenn es die Berliner Schnauze und Läden wie Niki’s Cakes nicht gäbe, sähe es in Berlin mit seinen Negativnachrichten etwas düsterer aus. Danke, Herr Niki!

Niki’s Cakes, Windscheidstraße 1 (direkt am Sophie-Charlotte-Platz), 10627 Berlin, Di-Sa 11-18 Uhr, So 12-18 Uhr, www.nikiscakes.de

Sonntag, 10. Juni 2012

Haste mal Pasta?

Dienstag bei einem Italiener am Spandauer Damm. Ein junger Mann im Punkoutfit hat sich eine Portion Spaghetti bestellt. In einem unbeobachteten  Augenblick setzt sich ein Spatz auf den Tellerrand. Der Mann verscheucht ihn mit den Worten: "Hau ab, geh' arbeiten!"
Diese von mir persönlich erlebte und aufgeschriebene Geschichte erschien am 10.06.2012 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".

Sonntag, 20. Mai 2012

Mehr Energie!

Sachertorte am LietzenseeDonnerstagnachmittag im Café am Lietzensee. An der Theke bestellt eine mollige Frau bei der Bedienung ein Stück Sachertorte ”mit einer doppelten Portion Sahne”, schaut sich zu den hinter ihr wartenden Leute um und fügt entschuldigend hinzu: “Ich will mal wieder meine Kalziumwerte auf Vordermann bringen.”
Diese von mir persönlich erlebte und aufgeschriebene Geschichte erschien am 20.05.2012 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".

Was zum anfassen

Freitagnachmittag auf der Wilmersdorfer Straße. Eine Frau kommt mit ihrer Teenager-Tochter in eine Buchhandlung und sagt: “Du immer mit deinem Facebook – jetzt kaufe ich dir mal ein richtiges Buch.”
Diese von mir persönlich erlebte und aufgeschriebene Geschichte erschien am 20.05.2012 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".

Sonntag, 6. Mai 2012

Intelligenztest

Lietzensee
Mittwochnachmittag im Café am Lietzensee. Ein älteres Ehepaar beobachtet eine konzentriert arbeitende Studentin mit Laptop und einem Stapel Büchern, die ein paar Tische weiter sitzt. Da sagt die Frau zu ihrem Mann seufzend: "Hach, ich möchte auch noch mal studieren." Er schaut sie an: "Sei schlau - bleib dumm."
Diese von mir persönlich erlebte und aufgeschriebene Geschichte erschien am 6.05.2012 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".

Donnerstag, 3. Mai 2012

EISZEIT!

Fantasia del Gelati Wilmersdorfer Arcaden
Als ich einmal in der Schule vom Lehrer gefragt wurde, wie die drei Eisheiligen heißen, antwortete ich: „Schoko, Vanille, Erdbeer!“
Als ich heute so durch die Wilmersdorfer Arcaden flanierte, kam ich an der Eisdiele Fantasia del Gelati vorbei und mein gräflicher Blick fiel auf ein giftgrünes Eis in der Vitrine und weckte meine Neugierde. Höflich bestellte ich eine Kugel „Pfefferminzeis“ in der Waffel und fragte den italienischen Angestellten, ob ich mich damit auch in den spärlich besetzten Gastraum setzen dürfe. Das wurde von ihm dermaßen vehement verneint, als hätte ich ihn gefragt, ob ich mal eben in seine Eisvitrine urinieren dürfe. Ich wurde ungalant darauf hingewiesen, dass ich in diesem Falle nur bei der Kellnerin am Tisch bestellen dürfe. 
Brav setzte ich mich also an einen Tisch. Als nach einer kleinen Ewigkeit niemand kam, stand ich auf und suchte die Kellnerin. Als ich sie endlich fand, bestellte ich bei ihr eine kleine Kugel Pfefferminzeis in der Waffel (!). Wieder eine kleine Ewigkeit später brachte die Kellnerin mein Eis – in einer hässlichen Plastikschale! Ich verweigerte die Annahme und ging verärgert zur Eistheke und fragte, warum ich nicht sofort ein Eis in der Waffel in die Hand bekommen hätte. Dann hätte man sich das alles sparen können. Dieses Mal traf ich auf einen älteren Italiener (vermutlich der Chef). Mit der typischen Arroganz italienischer Kellner erklärte er mir, dass er das nicht dürfe, „wegen dem Finanzamt und so“, basta! Dann drückte er mir, ohne ein Wort der Entschuldigung, mein Eis in der gewünschten Waffel in die Hand, in einer Art, als wäre ich nur ein ungezogener kartoffelfressender deutscher Lümmel und drehte mir dann einfach unhöflich den Rücken zu. Das Gästedemütigen scheint bei 95% italienischer Gastronomen in Deutschland die Lieblingsbeschäftigung zu sein.
Das Eis schmeckte wässrig und während ich hier diese Zeilen schreibe, gibt es selbst nach ein paar Stunden noch Pfötchen, so dass ich gerade zwei Bullrich-Salz-Tabletten einnehmen musste.
Es ist eine Marotte von einigen Eisproduzenten, die ausgefallensten Sorten zu Kreieren, ohne dabei auf Bekömmlichkeit und natürlichem Geschmack zu achten. Es gibt mittlerweile Marshmellow-Kaugummi, Roquefort-Käse-Eis, Kaktus-Eis, Oliven-Eis und last but not least: Lady-Gaga-Eis. Das schmeckt wahrscheinlich wie Lady Gaga unter den Achseln nach einem Drei-Stunden-Konzert.
Ich hätte da auch noch ein paar Ideen, liebe Eisproduzenten. Wie wär’s denn mit Blutwurst-Eis, Ölsardinen-Eis und Schweinebraten-mit-Soße-Eis? Aber ohne mich! Also ich bleibe lieber bei meinen drei Eisheiligen „Schoko“, „Vanille“, „Erdbeer“.
„Und was ist mit Banane?“ wird jetzt jemand rufen. Na gut, Banane lass‘ ich noch mal gelten.

Eiscafé "Fantasia del Gelato", Wilmersdorfer Straße 46, Wilmersdorfer Arcaden, 10627 Berlin, Mo - Sa: 9:30 - 21:00 Uhr




Donnerstag, 12. April 2012

“Herr Ober, in meinem Tee schwimmen Kugeln!”


„Das muss so.“ wäre wahrscheinlich die Antwort gewesen, wenn ich mich beim Ober beschwert hätte. Ich habe mich aber nicht beschwert. Ich probierte im Asia Pavillon in den Potsdamer Platz Arkaden den berühmt-berüchtigten Bubble Tea, der zur Zeit in (fast) aller Munde ist. Denn Bubble Tea Shops schießen im Moment an jeder Ecke wie Pilze aus dem Boden. Der Blasentee wurde 1988 von der Taiwanesin Lin Hsiu Hui erfunden, als sie sich aus purer Langeweile ihr Tapioca Dessert in ihren Eistee schüttete.
Die bunt-glibbrigen „Popping Bobas“, übersetzt „Perlen, die aufplatzen“ schwimmen in Milch oder in Fruchtsaft mit Eis. Die Kugeln fühlen sich im Mund an wie aufgeweichte Gummibärchen und die pappig-süße Flüssigkeit gibt es in unendlich vielen Geschmacksvariationen und soll angeblich viel Konservierungsmittel und Zucker enthalten.
In diesem Tee ist wahrscheinlich so viel Natur drin wie in einem Doppelkorn Kamillentee. Nun gut, könnte man jetzt sagen. Im Hundekuchen sind ja auch keine Hunde und man nimmt im Alltag so viele Schadstoffe zu sich, ohne dass man es merkt. Dann macht so ein Bubble Tea den Kohl auch nicht mehr fett. Punktum: Ich will mal nicht päpstlicher sein als der Papst. Mir hat’s geschmeckt und es war ein völlig neues Geschmackserlebnis. Wie sagt doch der vielzitierte Berliner Volksmund so schön? „Ick könnt’ma kugeln!“ 

500 ml- oder 700 ml-Becher kosten so ca. zwischen 3 – 4 Euro, Asia Pavillon, Potsdamer Platz Arkaden, Alte Potsdamer Str. 7, 10785 Berlin, Tel: 030 - 2529 6917

Sonntag, 25. März 2012

Verwechslungsgefahr

Lietzensee
Freitagnachmittag im Café am Lietzensee. Ein Ehepaar sitzt am Tisch, der Mann liest Zeitung. Plötzlich zeigt die Frau auf ein Foto: “Das ist doch der… äh… Colombo!” Daraufhin ihr Mann: “Nein – das ist der Gauck.”
Diese von mir persönlich erlebte und aufgeschriebene Geschichte erschien am 25.03.2012 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".

Montag, 12. März 2012

Was haben Schuhe und Torten eigentlich gemeinsam?

Lo Graf von Blickensdorf im ZEHA Berlin Store
Am 10.3. eröffnete ich im Kreuzberger Bergmannstraßenkiez eine Filiale der Kult-Schuhmarke ZEHA Berlin mit folgender Rede:

„Also Schuhe gibt es wirklich reichlich in der Welt. Ja sogar Schuhe aus handmassiertem mongolischem Zwergkalbsleder gibt es - sie sollen an-geblich einen kleinen Fuß machen.
Schuhe sind wichtig in meinen Augen. Wir brauchen sie, um uns komfortabel fortbewegen zu können. Als ich mir vorhin zu Hause meine Schuhe anzog, um zur Eröffnung hier in die Friesenstraße zu gehen, dachte ich noch so zu mir: Wie gut, dass ich kein Tausendfüßler bin. Denn dann wäre ich jetzt noch beim Schuhe zubinden und wäre bestimmt zu spät gekommen. Und noch ein Grund warum ich kein Tausendfüßler sein möchte: Weil Tausendfüßler zum Schuhe kaufen Jahre brauchen. Dann käme ich ja gar nicht mehr zum Torte essen. Obwohl ich schöne Schuhe liebe. So wie Torte.
Modell Derby ZEHA Berlin Graf von Blickensdorf
Haben Schuhe und Torten ei-gentlich etwas gemeinsam? Die Frage ist gar nicht so ab-wegig wie sie auf den ersten Blick erscheinten mag. Also: Was hat paar schöne Schuhe mit einer schmackhaften To-rte gemeinsam? Schnelle Ant-wort: Sie würden beide durchs Abitur fallen.
Nein, Spaß bei Seite. Es gibt zum Beispiel unendlich viele Schuhsorten: 
Sandalen, Slipper, Stöckel­schuhe, Pantoletten, Gummistiefel, Budapester-Schuhe, Stiefeletten, Ballerinas, Mokassins, Schlupfstiefel, Haferl­schuhe, Halbschnürer, Moonboots, Trottoir-Pumps, Überknieschaftstiefel, Schnabelschuhe usw.
Genauso gibt es unendlich viele Tortensorten:
Frankfurter Kranz, Käsesahnetorte, Rhabarber-Baiser, Herren­torte, Sacher-Torte, Schwarzwälderkirschtorte, Linzer-Torte, Fürst-Pückler-Torte, Cup Cakes, Spanische Windtorte, Thüringer Rosenkuchen, Erdbeer-Schoko-Sahne-Torte, Rüdesheimer Schmandt-Torte, Esterházy-Torte, Kalte Schnauze usw.
Und noch etwas haben Schuhe und Torten gemeinsam: Als Symbol der Missbilligung bei unbeliebten Politikern. Weil man zeigen will, dass man sich sogar von dem liebsten, was man hat, trennen kann, um seine politische Meinung deutlich zu machen.
Ich komme deshalb zu dem Schluss, dass Schuhe und Torten zum allgemeinen Wohlbefinden beitragen. Schuhe und Torten bilden eine Symbiose: Denn wenn man in eine Konditorei zum Torte essen geht, hat man immer Schuhe an. Hauptsache ist natürlich, es sind gute Schuhe! Sie kennen doch die alte Bauernregel:
Hat der Bauer Hühneraugen,
trägt er Schuhe, die nichts taugen.
Amerikanische Wissenschaftler haben einmal festgestellt, dass besonders Frauen in ihrem Körper ein ausgeprägtes Chromosom haben, das so genannte Schuh-Chromosom – Schuhe und Shoppen lassen sie rund herum einfach alles vergessen. Deshalb wissen Frauen besser als Männer, dass Schuhe das Lächeln des Nachmittags sind. So wie Torten.
Also – bringen Sie Ihren Nachmittag zum Lächeln! Schöne Schuhe und Torten gehören einfach zusammen – sie sind das Schmierfett des Wohlfühlens. Und was sagt der Tausendfüßler, wenn ihm zum Geburtstag neue Schuhe geschenkt werden? “Tausend Dank!”
Auch ICH sage jetzt „Tausend Dank“ für Ihre Aufmerksamkeit – obwohl ich, Gottlob, nur zwei Füße habe – und viel Spaß bei Schuhen und Cup Cakes!“

ZEHA STORE KREUZBERG, Friesenstraße 7, 10965 Berlin, http://www.zeha-berlin.de/

Sonntag, 12. Februar 2012

Mut der Verzweiflung

Cafe ReetFreitagnachmittag in Charlottenburg. Zwei Frauen sitzen in einem Café am Klausenerplatz. Durchs Fenster beobachten sie zwei andere Gäste, die draußen bibbernd vor Kälte Zigaretten rauchen. Sagt die eine Frau: “Die sind aber mutig.” Die andere: “Nö – nur süchtig.”
 
Diese von mir persönlich erlebte und aufgeschriebene Geschichte erschien am 12.02.2012 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".

Dienstag, 7. Februar 2012

Barbie’s Kuchenladen

Riki's Cherry Merry CupcakeBei meinen zahlreichen Besuchen in Cafés und Patisserien fällt mir oft auf, dass die Einrichtung nicht richtig zu der angebotenen Ware passt. Im neuen Café Niki‘s Cakes ist es endlich mal gelungen. Die quietschbunte Einrichtung passt gut zu den quietschbunten Cupcakes. So, als käme jeden Augenblick Barbie im bonbonfarbenen Cocktailkleid mit ihrem schnieken dauerverlobten Plastik-Boy Ken herein.
Ich aß einen Cherry Merry Cupcake mit Weingummi-Deko und fühlte mich einen Augenblick so, als wäre gerade mein 11.Geburtstag. Dazu trank ich einen Cappuccino, der außergewöhnlich aromatisch gut nach Bohnen schmeckte, was meine Sympathie für dieses Café unweigerlich noch mehr in die Höhe schnellen ließ. Auf mein Nachfragen erfuhr ich, dass es Italiens beliebtester Kaffee war, nämlich Lavazzo. Kein Wunder.
Die Cupcakes sind sehr schmackhaft, der Teig locker und saftig, die luftig-zarte Creme jedoch nicht so penetrant süß, wie man es von den typischen Ami-Cupcakes gewohnt ist. Ich fühlte mich sehr wohl in dem kleinen Café, denn die beiden fachkundigen und netten Betreiber geben einem zu den Riki's Pistazien CupcakeCupcakes und Cappuccino gute Laune noch gratis dazu. An diesem bitterkalten und mausgrauen Wintertag genau richtig. Also nicht nur Barbie und Ken, auch ich und Menschen jeglicher Couleur werden sich hier sehr wohlfühlen - nur nicht Katzen, die leben am liebsten in einem Miezhaus. 

Niki’s Cakes, Windscheidstraße 1 (direkt am Sophie-Charlotte-Platz), 10627 Berlin, Di-Sa 11-18 Uhr, So 12-18 Uhr, www.nikiscakes.de

Mittwoch, 1. Februar 2012

Nervöse Geschmacksnerven

Miroir Vanille et Framboises Lenotre KaDeWe
Immer wenn ich mal im KaDeWe zu tun habe, werden meine Geschmacksnerven nervös und geschickt dirigieren sie mich in die 6. Etage zur Kuchentheke der Patisserie Lenôtre. Französische Torten zeichnen sich im Gegensatz zu deutschen Torten dadurch aus, dass sie verschiedene Geschmacksrichtungen in einer Torte vereinen.
Dieses Mal wählte ich ein Stück „Miroir Vanille et Framboises“ (s.Foto), das wieder ein Meisterwerk der französischen Konditoreikunst war. Ein wahres Konglomerat wertvoller Ingredenzien.
So hatte ich meine Geschmacksnerven wieder beruhigt und sie entließen mich wieder in das bitterkalte Berlin.

KaDeWe, Kaufhaus des Westens, Tauentzienstraße 21-24, 10789 Berlin


Dienstag, 31. Januar 2012

8 Kernsätze für den Adel

1. Der Adel (im Sinne von edel) ist nicht eine Sache des Namens. Wahrer Adel zeigt sich in entsprechend vorbildlicher Haltung und Lebensführung.

2. Der Adel unterliegt der täglichen Bewährung.

3. Der historische Adel lebt von und durch seine Familien, in denen er sich als Glied einer nicht endenden Kette mit den entsprechenden Konsequenzen sieht. Er steht in der besonderen Verpflichtung den Spagat von Vergangenheit bis zur Zukunft Kronezu einer Synthese zu verbinden. Sein Familienname ist Identifikation und ein besonders stark verbindendes Element seiner Familie.

4. Der Adel muss sich seiner Verantwortung gegenüber Staat, Kirche, Gesellschaft und Natur im Blick auf die Erhaltung seines kulturellen Erbes bewusst sein.

5. Der Adel hat keine Lebensberechtigung, wenn er nur von der Vergangenheit lebt und sich auf die historischen Taten beruft, an die seine Namen erinnern. 

6. Der Adel sollte offen gegenüber zeitgeistigen Entwicklungen sein, dabei ebenso seine Tradition, wo es nötig ist, anpassen und weiterentwickeln.

7. Der Adel wirkt im Besonderen durch Glaubwürdigkeit, Toleranz, Bescheidenheit, Einsatzfreude, Loyalität und Dankbarkeit. 

8. Der Adel sollte Vorbild in der Bewahrung erhaltenswerter Lebensformen sein, das kulturelle Erbe pflegen, die Langzeitwirkungen zeitgeistiger Strömungen auch im Hinblick der Überlebensfähigkeit der eigenen Familie immer wieder bedenken und auf Herausforderungen der Zeit aufgeschlossen reagieren.

Freitag, 20. Januar 2012

Massenbetankung für Koffeinabhängige

Portugiesisches Fruchttörtchen
Letzten Samstag besuchte ich mit einem Kollegen den Wochenmarkt auf dem beschaulichen Charlottenburger Karl-August-Platz, weit entfernt vom langweiligen Bionade-Ghetto Prenzlauer Berg. Anschließend wollten wir bei einem Kaffee noch etwas besprechen. Mein Kollege schlug eine Filiale so einer dieser obskuren Amerikanischen Kaffeeketten vor. 
Die total überteuerten Amerikanischen Kaffeeketten sind für mich keine Cafés sondern Massenbetankung für Koffeinabhängige und Geschmacksverirrte. Der labbrige Kaffee, vom Berliner „Lorke“ genannt, schmeckt modrig und die klebrigen Muffins schmecken wie alte Bremsscheiben, so dass einem beim Verzehr die Zehennägel in den Budapester Schuhen hochklappen. Von den ganzen Künstlichen Aromastoffen und Geschmacksverstärkern ganz zu schweigen. 
Außerdem ziehen die schlitzohrigen Betreiberkonzerne arme äthiopische Kaffeebauern über den Tisch. Also weigerte ich mich, dieses zu unterstützen und schlug stattdessen das ganz in der Nähe gelegene AnanastörtchenCafé Aller & Liebst vor. 
Dort bekamen wir eine sehr nette und ausführliche Kuchenberatung. Ich entschied mich für ein Portugiesen-Törtchen (siehe Foto oben) und mein Begleiter bestellte sich ein Ananastörtchen (Foto links). Kaum saßen wir, kam schon die Konditorin aus ihrer Backstube und, schwupps, bekamen wir  beide von ihr einen Löffel dunkler, warmer, himmlisch schmeckender, Schokoladenkuvertüre in den Mund gesteckt. „Nur so zum Probieren.“ meinte sie lächelnd. Wahrscheinlich weil sie uns als Torten-Kenner erkannt hatte. 
Das Portugiesen-Törtchen mit seinem exzellenten Blätterteigboden bestach durch Fülle und Komplexität, obwohl kein Portugiese drin war und mein Gaumen machte an diesem trüben Januartag eine unverhoffte kleine Sonnenreise. Und auch das Ananastörtchen erfüllte alle Kriterien. Alles ist garantiert ohne Künstliche Aromastoffe und Geschmacksverstärker und für Allergiker gibt es sogar auch lactose- und glutenfreie Torten und Kuchen. Dieses, von Mutter und Sohn betriebene, urgemütliche Kiezcafé, kann ich nur wärmstens empfehlen. 
Und außerdem trägt man so mit seinen Besuchen in kleinen Schritten dazu bei, böse amerikanische Großkonzerne zu zerschlagen. 

Aller & Liebst, Goethestr. 59, 10625 Berlin

Mittwoch, 11. Januar 2012

„Wer nicht genießt, wird ungenießbar.“

Johannisbeer Baiser bei Frau Behrens Torten
Das ist der Leitspruch von Frau Behrens Torten in der Wilmersdorfer Straße. Dem kann ich nur voll und ganz beipflichten. 
In der Tortenvitrine stehen amtliche Torten, wie sie in der Wirtschaftswunderzeit der 50er und 60er Jahre gerne von meiner Tante Friedchen gemacht wurden: Üppig in Form und Inhalt und mit allerbesten Zutaten. Auf ein paar Tausend Kalorien kam es nicht an. Ich schwankte zwischen der Nusstorte und der Johannisbeer-Baiser-Torte. Ich verzichtete auf die Nusstorte und wählte das Baiser-Stück, denn Nüsse sind ungeborene Bäume. 
Scherz beiseite. Als ich den kleinen Gastraum betrat, stellte ich fest, dass er brechend voll war. Ich fand nur einen freien Mini-Tisch. Ich legte ab, ließ mich dort nieder und wartete auf die Johannisbeer-Baiser-Torte. Leider stehen die Tische so eng zusammen, so dass man zwangsläufig das Intimspray der Nachbarin am Nebentisch riechen muss. Und der Geräuschpegel war zeitweilig so laut wie in einem orientalischen Basar kurz vor Basarschluß. Eine Tischnachbarin brüllte mir ins Ohr, dass es demnächst ein „TEFAL-Pfannen-Set für 17.99 Euro“ bei Penny gibt. Das war aber nicht für mich bestimmt sondern für ihre Freundin. Endlich kam meine bestellte Torte. Aufrecht und stolz wie es sich gehört stand sie auf einem schönen Blümchenkuchenteller. Die freundliche Bedienung stellte den Cappuccino und das von mir verlangte Glas Leitungswasser daneben.
Der Cappuccino war sehr gut und wurde in einer hübschen Tasse serviert, auf der „Heidi“ abgebildet war. Der Kaffee stammt nämlich aus der Schweiz und ein Teil des Erlöses geht an die Heidistiftung. Eine gute Sache. 
Nun widmete ich mich der Torte und kam ins Schwitzen. Nein, nicht weil die Größe der Torte mich an ein Schweizer Alpenpanorama erinnerte und mir Angst einflößte, sondern weil mein Katzentisch direkt an einem glühendheißen Heizkörper stand. 
Nachdem ich die erste Kuchengabel voller Torte im Mund spürte, vergaß ich für einen Wimpernschlag alles um mich herum. Die Mischung aus Eischnee und Johannisbeeren war wunderbar leicht und frisch wie eine Wolke im Frühling. Doch der Heizkörper strahlte so heiß und unerbittlich, da ist der Dampfkessel einer Lokomotive eine lauwarme Wärmflasche dagegen. Mir liefen kleine Schweißrinnsale in den Eterna-Hemdkragen und meine Nasenschleimhäute hätten es jederzeit mit einer 5000 Jahre alten ägyptischen Mumie aufnehmen können. Den Rest der Torte konnte ich leider nicht mehr richtig genießen, weil ich nun ungenießbar wurde. Da nutzten die beiden schönen Kronleuchter auch nichts mehr.
Den Leuten scheint es jedoch zu gefallen. Wie heißt es doch so schön? Alles Geschmacksache, sagte der Affe und biss in die Seife. 

Frau Behrens Torten, Wilmersdorfer Str. 96-97, 10629 Berlin

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Kastenweißbrot, Schnullerräuber und Rolf

Concerto Torte Lenôtre
Gestern war ich zufällig gerade in der Nähe vom KaDeWe und es war Kaffeezeit – meine schönste Zeit des Tages. Da freue ich mich immer schon den ganzen Tag drauf – auf eine kleine Auszeit bei Kaffee und Kuchen. Also fuhr ich schnurstracks in die 6. Etage zum Lenôtre, das für das Aushängeschild französischer Patisserie der Extraklasse steht.
Ich setzte mich gut gelaunt auf einen Barhocker am Tresen und bestellte einen Milchcafé – den ich prompt ohne dem obligatorischen Glas Leitungswasser bekam. Und das im berühmten KaDeWe, dem größten Kaufhaus auf dem europäischen Kontinent!
An der Kuchentheke versperrte mir eine junge Mutter mit ihrem Kinderwagen, der so groß war, dass Reiner Calmund bequem reingepasst hätte, die ganze Auslage des Tortenangebotes. Als ich sie höflich bat, das Monstrum etwas anders zu parken, sah sie mich mit toten Augen stumpfsinnig an wie ein Kastenweißbrot,
reagierte aber nicht. Sie ging nicht einen Millimeter mit ihrem Ungetüm zur Seite und unterhielt sich weiter mit einer Bekannten über einen gewissen „Mirko“, wahrscheinlich der Kindsvater.
Da ich nicht als mutmaßlicher Schnullerräuber verhaftet werden wollte, versuchte ich nur kurz über den Kinderwagen, aus dem es säuerlich roch, in die Kuchenvitrine zu spähen, bestellte hastig ein Stück Pralinentorte namens „Concerto“ mit Blattgoldverzierung (siehe Foto) und setzte mich wieder auf den unbequemen Barhocker. Aber immerhin noch besser als an den zahlreichen Stehtischen.
Nach dem ersten „Concerto“-Gabelbissen begann in meinem Gaumenraum nicht nur ein Concerto, sondern eine wahre Sinfonie. Alle Sorgen dieser Welt waren blitzartig vergessen! Pjotr Iljitsch Tschaikowski hätte in diesem Augenblick bestimmt eine ganze Sinfonie über dieses Geschmackserlebnis geschrieben. Piano beginnend über forte, um mit fortissimo den Höhepunkt der Gaumenexplosion zu vollenden – doch dazu kam es nicht. „Is‘ dit Ihr’s?“ schreckte mich eine rauhe Raucherstimme auf. Es war ein schinkenspeckgesichtiger Mann Mitte Fünfzig mit Bierbauch und in schlammfarbener Vintagekleidung, der extrem nach Zigarre stank und angewidert auf meine Collegemappe und meinen Übergangsmantel auf dem Barhocker neben mir deutete, als lägen da zwei halbverweste Weißfische. Falls der Mann eine gute Kinderstube genossen hätte, hätte es so geklungen: „Entschuldigung, ist der Barhocker noch frei?“ Hatte er aber nicht. Leider! Ich nahm trotz seiner ruppigen Art freundlich nickend meine Sachen, mangels Garderobe, notgedrungen auf meinen Schoß. Nun saß ich da, eingezwängt wie in einem überfüllten Luftschutzbunker im zweiten Weltkrieg – doch in Wirklichkeit saß ich im bekanntesten Kaufhaus Europas und aß meine Torte zu 4,95 Euro zu Ende. Versehentlich goss ich zu allem Überfluss auch noch reichlich Kaffeesahne in meinen Milchcafé, weil der Kaffeesahnebehälter genauso wie der Zuckerstreuer aussah. Und hinter meinem Rücken schubberten sich gaffende Touristen in teurer High-Tech-Kleidung vorbei, als müssten sie gleich noch zu einem Biwak in die Eigernordwand.
Zu meiner anderen Seite saß ein weißhaariger Mann, der der Bedienung ständig schlüpfrige Zweideutigkeiten zuraunte, dessen Wiederholung hier mir meine gute Erziehung verbietet. Ich wollte hier nur weg. Subito! Ich zahlte für einen mittelmäßigen Milchcafé mit zu viel Kaffeesahne und ein hervorragendes Stück Torte 8,50 Euro. Im Weggehen hörte ich noch, wie das ungehobelte Schinkenspeckgesicht mit feuchter Aussprache in sein Mobiltelefon dröhnte: “… ja, Dommrepp… da ha‘ ick ma von meener Ollen janz schön belatschen lassen...“. Er meinte mit „Dommrepp“ wahrscheinlich die Dominikanische Republik.
Auf dem Weg zur Rolltreppe sah ich, wie in der Teeabteilung einem Mann eine Packung Rooibush-Tee auf den Boden fiel. Anstatt ihn aufzuheben und ihn wieder ins Regal zu legen, ging er einfach achtlos weiter. Ich hob die Packung auf und legte sie zurück an ihren angestammten Platz und nahm die Rolltreppe, auf der ich auch noch von einem südländisch aussehenden Ehepaar angerempelt wurde, ohne dass man sich dafür entschuldigte. Plötzlich endete die Rolltreppe unverhofft in der 3. Etage. Ich fand aber keine andere Rolltreppe, die nach unten fuhr. Da ich in weiter Ferne einen Fahrstuhl entdeckte, beschloss ich, dort hin zugehen. Doch besser gesagt als getan.
Eine russische Oligarchengroßfamilie mit vielen sperrigen Tüten und Paketen bepackt, versperrte mir den Weg zum Fahrstuhl. Alle waren gerade mit ihren brillantenverzierten iPhones dabei, simsend die Welt um sich vergessend. Als ich höflich fragte, ob ich bitte einmal vorbei dürfe, wurde ich plötzlich mit allen russischen Flüchen bombardiert, die es in Russland gibt. Ich wollte nur raus, raus, raus! Ich bekam schlechte Laune und schaffte es gerade noch wie ein geprügelter Hund in den Fahrstuhl – doch oh Gott! – er fuhr wieder nach oben! Irgendwann fand ich dann aber die normale Rolltreppe. Am Ausgang gingen die Menschen kuhherdenartig ein und aus, ohne sich gegenseitig die Türen aufzuhalten. Endlich stand ich wieder unten auf der Straße vor meinem treuen Miele-Fahrrad. Ich schwang mich auf den Sattel und fuhr los in Richtung Heimat.
Während ich auf dem Kurfürstendamm von rüpelhaften Taxifahrern und übelgelaunten BVG-Bus-Fahrern gefährlich geschnitten wurde, dachte ich über die schlechten Umgangsformen nicht nur reicher Zeitgenossen nach. Sind es etwa die skrupellosen und unmoralischen Verhaltensweisen von Politikern und Bankern, die sich nun auf die Umgangsformen der Bevölkerung niederschlagen?
Während ich noch darüber nachdachte, sah ich von weitem Rolf Eden, der gerade zu Fuß an der Ecke Kurfürstendamm die Knesebeckstraße überquerte. Als er mich sah, rief er mir gut gelaunt „Exzellenz!“ zu und deutete augenzwinkernd einen Hofknicks an. Na bitte! Es gibt sie doch noch – die wohlerzogenen Leute - plötzlich war meine ganze schlechte Laune wie verflogen. Danke Rolf!

Samstag, 24. Dezember 2011

Charmant!

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Mittwochnachmittag in der Patisserie Harry Genenz in Westend. Zwei ältere Herren haben schon einige Gläser Rotwein getrunken und schimpfen über dies und das. Am Nachbartisch schaut eine ältere Dame pikiert herüber. Da ruft der eine Herr ihr zu: “Fühlen Sie sich beobachtet, gnädige Frau?” Sie schüttelt den Kopf. Er erwidert: “Dann sind sie hier richtig!”
Diese von mir persönlich erlebte und aufgeschriebene Geschichte erschien am 24.12.2011 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".

Sonntag, 18. Dezember 2011

Warum ich mein Geld lieber für Torten ausgebe


Gestern in der Herrenabteilung vom KaDeWe. Da sehe ich doch tatsächlich in einer Vitrine ein paar hässliche Socken für 860 Euro (siehe Foto)! Da war ich vielleicht von den Socken, das können Sie mir glauben. Dabei soll es sich um Vicuna-Socken handeln, die aus der seltensten und teuersten Wolle der Welt verarbeitet sind. Die Vicuna-Wolle aus Südamerika ist leichter, wärmer und weicher, als alle anderen Naturfasern, behauptet zumindest eine goldglänzende Schrifttafel. 
Früher in den 60er und 70er Jahren trug man entweder kratzige Wollsocken, die nach zwei Wäschen bequem einem Playmobil-Männchen passten oder hauchdünne Socken der Firma Goldfalter aus Helanca, so dass man nicht nur kalte sondern auch Schweißfüße bekam. Das ist heute Gottseidank anders. Ein paar gute Socken mit Woll- und Kaschmiranteil kosten so zwischen 10 und 18 Euro. Mit Warme-Füße-Garantie. Da brauche ich doch keine megateuren Vicuna-Socken.  
Und wer kennt das nicht? Man steckt ein Paar Socken in die Waschmaschine und es kommt nur eine Socke heraus. Was macht man dann? Schwupp, ist man 430 Euro los – auf Nimmerwiedersehen. Nein, nicht mit mir. Ich bin ja der Meinung, dass die Socken manchmal untereinander Ehestreit haben und deshalb ein Teil unvermutet verschwindet. Um ein neues Socken-Leben zu beginnen, flüchten sie dann heimlich in ein Paralleluniversum namens „Strümpfenien“, dass von einer mächtigen Schafwollsocke der Größe 58 regiert wird. Und auf eine seltene Vicuna-Socke wartet das Volk der geflüchteten Einzelsocken sicherlich nur noch. Vicuna-Socken wären in „Strümpfenien“ bestimmt etwas besonderes und würden von den Normalosocken mit Respekt behandelt werden.  
Noch ein Nachteil: Man kann noch nicht mal angeben damit, weil die Leute die Socken nicht sehen können, wenn man sie trägt. Es sei denn, man läuft ohne Schuhe. Aber so, dass man auch unter die Fußsohle schauen und das Label sehen kann. Vielleicht in einem albernen Monty-Python-Gang? Und zufällig vorbei kommende Sockenfachleute bleiben dann plötzlich stehen und sagen voller Ehrfurcht: „Schau mal, der trägt ja echte Vicuna-Socken – aus der teuersten Wolle der Welt! Das ist der Ferrari unter den Socken!“  
Aber wer kauft denn so etwas? Wahrscheinlich nur Angeber mit Geschmacksverirrung. Der einzige, der mir einfiele, wäre der zur Zeit wahrheitssuchende Tankstellenbesitzer und Noch-Bundespräsident Wulf. Denn der hat reiche Freunde, die ihm ohne weiteres mit „Krediten“ aushelfen können. Außerdem hat er schlechten Geschmack – denn wer würde sich sonst für über 500.000 Euro so ein hässliches Haus bauen? Dem könnte man bestimmt ohne weiteres diese Socken andrehen. Das passt dann wieder: Auf hässlichen Socken durch ein hässliches Haus laufen. 
Da bleibe ich lieber bei meiner Torte. Die macht mir gute Laune, man ist falschen Freunden zu nichts verpflichtet und wenn die Torte weg ist, weiß man, wo sie ist.

Montag, 12. Dezember 2011

Zuckerschock!

Schoko-Kuppel im Zuckerschock
Nein, keine Angst, werter Leser, ich habe nicht zu viele Torten gegessen - es ist ein neues Café selben Namens in Kreuzberg. 
Ich bestellte mir erwartungsvoll ein Stück Torte "Cassis mit Passionsfrucht". Während das adelige Fräulein, das mich begleitete, sich für das "Schoko-Kuppel-Törtchen" entschied. Beide Pretiosen waren zu unserer vollsten Zufriedenheit. Meine Cassis-Passionsfrucht-Torte" hatte einen herrlich mürben Tortenboden, der die fruchtig-süße Last mühelos trug, ohne ins Schwitzen zu kommen. Denn so müssen Fruchttorten sein - unten trocken, oben fruchtig-feucht - und nicht umgekehrt, was ich leider bei meinen zahllosen Café-Besuchen schon häufig festgestellt habe.
Die Torte scheint auch der Renner im Zuckerschock zu sein, denn schon nach kurzer Zeit war die vorher noch ganze Torte verkauft.
Auch meine Begleiterin war mit ihrer "Schoko-Kuppel" vollauf zufrieden, hatte aber anfangs Angst, die schöne goldverzierte glänzende Kuppel mit ihrer Kuchengabel zu zerstören. Das konnte ich nachvollziehen, denn es ist ein ähnliches Gefühl, als würde man in die Kuppel vom Petersdom stechen.
Und zu meiner großen Überraschung gab es zum Cappuccino automatisch ein Glas Leitungswasser wie es sich gehört. Das ist in Berlin leider nicht selbstverständlich und ich habe das schon oft bemängelt. Schon alleine dafür hätte das Zuckerschock einen Orden verdient!
Cassis-Torte mit Passionsfrucht im Zuckerschock
Ich habe mir fest vorgenommen, dort im Sommer öfter mal draußen, mit selbst gemachtem Eis aus dem Zuckerschock, in der Sonne zu sitzen, weil das Zuckerschock kein Gegenüber hat und dadurch den ganzen Tag lange Sonne hat. Und die Betreiber brauchen keine Angst zu haben, dass die andere Straßenseite plötzlich zugebaut wird. Denn auf der einen Seite der Bergmannstraße liegen  verschiedene Friedhöfe, die auf den Hängen ehemaliger Weinberge angelegt wurden. Und Tote bauen bekanntlich keine Häuser.
Auch ein großes Zeitschriften- und Illustriertenangebot lädt zum längeren Verweilen ein - ideal für arme Freiberufler, Künstler und Studenten.
Abends in meiner Charlottenburger Stammkneipe traf ich eine Bekannte, die von Beruf Ärztin ist. "Na? Was haste heute so gemacht?" fragte sie mich neugierig. "Ich war im Zuckerschock." antwortete ich ihr. Sofort warf sie mir einen kritischen Blick zu und griff instinktiv nach ihrer Arzttasche, um blitzschnell eine Insulinspritze aufzuziehen. "Nein, nein, " beruhigte ich sie, "ich bin nicht durch mein tägliches Tortenessen zum Diabetiker geworden.", und klärte sie auf. Denn meine Formel "NES" bewahrt mich davor, zuckerkrank zu werden (siehe dazu auch meinen vorherigen Artikel vom 8. Dezember auf diesem Blog)
Dieser nette Familienbetrieb mit dem perfekten Service ist einen Besuch wert, man wird danach immer wiederkommen. Nur einen kleinen Makel hat es doch: Es liegt nicht direkt vor meiner Charlottenburger Haustür.

ZUCKERSCHOCK, Bergmannstr. 59, Berlin-Kreuzberg

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Törtchen auf Krankenschein

Käsesahne im Orangenmantel
Jetzt im Winter sorgen Lichtmangel und Kälte dafür, dass uns das Glückshormon Serotonin fehlt. Ein Mangel davon kann zur Zuckerkrankheit führen. Ich will aber gesund bleiben. Also ziehe ich mich, so gegen 14 Uhr, der Jahreszeit entsprechend warm an und gehe zu Fuß oder fahre mit dem Fahrrad in Richtung eines Cafés meiner Wahl. Dadurch nehme ich erst mal eine Lichtdusche um hinterher bei einem schönen Stück Kuchen oder Torte meine fehlenden Serotonine aufzufüllen. Immer wieder werde ich von Lesern gefragt, ob man vom täglichen Konditern gehen nicht dick wird. Keine Angst, davon wird man nicht dick. Merken Sie sich dabei nur die drei Buchstaben: NES. Das heißt: "Nur Ein Stück!" Und zwar pro Tag - und nicht pro Stunde.
Duett von der Holunderblüte mit Cassismousse
Heute möchte ich gern mal die Patisserie Werkstatt der Süße empfehlen. Hier bekommt man wohl mit die besten Törtchen Berlins. Sie sehen aus wie kleine Kunstwerke und man muss sie unentwegt anschauen, bevor man sich endlich einen Ruck gibt und sie mit der Gabel zerstört. Die Törtchen schmecken fantastisch und sind selbstverständlich ohne Konservierungsstoffe oder künstliche Aromen. Zum Beispiel bei dem Stück "Duett von der Holunderblüte mit Cassismousse" spiegelt sich der ganze Kosmos sommerlichen Fruchtgeschmacks wider. Dabei stört es nicht, in einem etwas kargen und ungemütlichen Raum sitzen zu müssen. Leider ist es etwas kundenunfreundlich, dass die Törtchen in der Vitrine keine Schildchen haben, denn man muss ständig fragen, was das für ein Törtchen ist und was es beinhaltet. Schließlich hat im Museum auch jedes Kunstwerk ein kleines Schildchen.
Weiße Schokolade mit Passionsfruchtkern
Eigentlich müsste man die Besuche in Cafés und Konditoreien von der Krankenkasse bezahlt bekommen - letztendlich beugt man damit der Diabetes vor.

Werkstatt der Süße · Husemannstraße 25 · 10435 Berlin-Prenzlauer Berg

Sonntag, 4. Dezember 2011

Gesundheit

Dienstagnachmittag in einer Arztpraxis in der Charlottenburger Schloßstraße. Ein 60-jähriger Mann bittet um eine Grippeschutzimpfung. Die Sprechstundenhilfe fragt ihn erstaunt: "Sie waren aber lange nicht mehr bei uns - was war denn los?" Der Mann: "Ich war gesund."
Diese Geschichte erschien am 4.12.2011 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".

Sonntag, 27. November 2011

Gefährlicher Möhrensaft

Es ist ein grauer Novembertag und vor meinem Fenster läuft ein Schwarzweißfilm ab. Ich beschließe, mir ein Glas frischen Möhrensaft zu machen. Das bringt Farbe nicht nur in den Alltag sondern auch in den Körper, gibt einen guten Teint und stärkt die Sehkraft für die Augen. Oder haben Sie schon mal ein Kaninchen mit Brille gesehen? (haha, alter Kalauer). Ich habe ein selbst erfundenes Spezial-Rezept und das geht so: Je nach Größe 4-6 Möhren, 1 säuerlicher Apfel, eine kleine Ingwerknolle und eine Gewürznelke.
Hinterher kommt noch etwas Zucker, 1 Spritzer Zitrone und ein Schuss Kürbiskernöl ins Glas. Kurz umrühren – fertig! Lecker! Als Deko ein paar Minzeblätter. Fröhlich vor mich hin pfeifend und voller Vorfreude auf den Power-Drink stecke ich nach und nach alles in den Entsafter, den ich mir schon zugelegt hatte, als noch die Berliner Mauer stand. Er ist zwar laut wie eine Boeing 707, tat aber immer brav seine Dienste. Ein Vorwendemodell sozusagen.
Als ich die Gewürznelke hineintue, wird das Motorgeräusch plötzlich etwas unruhig und der Entsafter beginnt zu zittern, als ob er vor etwas Angst hat. Ehe ich begreife, was los ist, gibt es einen unerwarteten Knall, laut wie ein Pistolenschuss und messerscharfe Plastikteile und zerraspelte Möhrenstücke fliegen wie Geschosse in der Küche herum. Ein scharfes Plastikteil durchschlägt sogar die Leinwand von einem Ölbild.
Noch Wochen später fand ich Plastikteile im Schlafzimmer und im Arbeitszimmer. Der Entsafter ist regelrecht explodiert. Ich bleibe wie durch ein Wunder unverletzt. Ja, nicht das kleinste Stückchen touchiert mich. Da muss mein Schutzengel in dem Augenblick richtig auf Zack gewesen sein. Tja, was so eine kleine Gewürznelke alles anrichten kann...

Sonntag, 20. November 2011

Traum in Weiß

KäsesahnetorteIch hatte schlechte Laune. Ein grauer Novembertag und Sorgen über Sorgen. Außerdem müsste ich mal wieder eine Tortenkritik schreiben, dachte ich sorgenvoll, während ich über die Goltzstraße radelte. Aber worüber? Denn die letzten Tage waren voll mit Interviewterminen, so dass ich kaum zum Konditern kam.
Plötzlich sehe ich ein Schild mit dem dazugehörigen Geschäft: „Café Sorgenfrei“. Ich fand eine Laterne, an der ich mein altes Miele-Fahrrad von 1953 anschloss und betrat das Café, legte ab und nahm auf einem pastellfarbenen Nierensessel der 50er Jahre Platz. Ich bestellte ein Stück Käsesahnetorte. Dazu einen Cappuccino und ein Glas Leitungswasser.
Ich erfuhr dass das „Café Sorgenfrei“ eine Kombination aus Café und Trödelladen der 50er- und 60er-Jahre ist. Man kann die ganze Einrichtung kaufen. Hier kann es passieren, dass mir der Sessel unter meinem gräflichen Gesäß weggekauft wird. Ich sehe in der Ecke unseren alten pastellfarbenen Küchenschrank mit integriertem Brotfach wieder und die passende Uhr ist auch da. Ich entdecke einen alten Rewe-Kalender von 1961 und diverse Tütenlampen.
In dem Laden, in dem einmal eine Fleischerei untergebracht war, kann man noch die wunderschönen Villeroy & Boch-Fliesen von 1910 an Wänden und Fußboden bewundern. Dazu hört man die Musik der Fifties und Sixties: Buddy Holly, Duke Ellington, Caterina Valente, Pat Boone, Connie Francis, Dean Martin. Es entweicht mir ein nostalgischer Erinnerungsseufzer nach dem anderen.
Ich blättere in der alten Revue von 1958, in der ausführlich über „Soraya – die Tragik einer Kaiserin“ berichtet wurde. Denn die damalige Gattin des Persischen Kaisers wurde nicht schwanger und der Schah wartete unruhig auf den ersehnten Thronfolger. Wir Kinder sangen damals immer nach der Melodie des „River Kwai Marsches“ auf der Straße spöttisch: "Schade - Soraya kriegt kein Kind. Schade - der Schah hat Luft im Spind."
Obwohl zwischen den Supermächten USA und UdSSR kalter Krieg herrschte, war die Zeit nicht so gefährlich wie heute mit all den terroristischen Anschlägen aus den unterschiedlichsten Lagern und der Weltwirtschaftskrise mit all ihren hochkriminellen Spekulanten an den Banken und Börsen der Welt. Nein, es war regelrecht gemütlich! Ja, sogar etwas naiv. Als Kind fuhr man chromblitzende Tretroller, war im Micky-Maus-Club und aß Nappos und Waffelbruch. Eine Kugel Eis kostete 10 Pfennige. Die Trümmergrundstücke des 2. Weltkriegs waren herrliche Abenteuerspielplätze und über die autoleeren Straßen knatterte höchstens mal eine Zündapp. Fernsehen? Hatte kaum jemand. Und wenn man mal telefonieren musste, ging man zum Nachbarn. Mittags gab es „Arabisches Reiterfleisch" á la Clemens Wilmenrod und in den Wartezimmern der Ärzte standen noch wie selbstverständlich Aschenbecher, von denen reichlich Gebrauch gemacht wurde und es gab niemand, der sich darüber beschwerte. Auch brauchten noch nicht vor den Geschäften Wachleute postiert werden, weil einfach nichts passierte.
Während ich noch so vor mich hin träumte, stand sie plötzlich vor mir! Ein Traum in Weiß - die Käsesahnetorte. Sie war gut gekühlt und hatte eine gerade Schnittkante. Daran erkennt man übrigens gute Torten. Die hausgemachte Torte hatte einen großartigen Käsesahnegeschmack und war ein lukullischer Hochgenuss. Und nicht so, wie meine letzte Käsesahnetorte vor ein paar Wochen in einer renommierten Berliner Konditorei, dessen Name zu nennen, meine gute Erziehung verbietet. Jenes Machwerk verdiente nicht die Bezeichnung „Torte“, schmeckte wie Schrauben und Nägel und sprengte mir fasst die Fußnägel weg. Aber nicht diese Sorgenfreitorte. Sie war perfekt wie ein fabrikneuer Bentley.
Ich hatte Glück. Niemand hatte mir in der Zwischenzeit den pastellfarbenen Nierensessel unter meinem gräflichen Gesäß weg gekauft. Als ich bezahlte, nahm ich noch eine Schachtel „Welthölzer“ für 1,50 mit und verließ gut gelaunt das Café Sorgenfrei. Als ich wieder auf der herbstnebeligen Goltzstraße stand, wusste ich endlich, welche Tortenkritik ich auf meinem Blog schreiben soll. Nämlich diese hier. Eine Sorge weniger.

Sorgenfrei, Goltzstraße 18, 10781 Berlin-Schöneberg

Ehrliche Currywurst

Mittwochnachmittag vor der „Currystation 36“ in der Otto-Suhr-Allee. Ein Mann zahlt seine Currywurst und will gehen, als er vom Imbissverkäufer zurück gerufen wird. „Hier…“, er gibt dem Mann Geld zurück „…Sie haben einen Euro zu viel gezahlt!“ Der Mann guckt erstaunt: „Sie sind aber ehrlich!“ Da antwortet der Imbissverkäufer: „‘Ehrlich‘ ist mein Mädchenname.“

Diese Geschichte erschien am 20.11.2011 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".

Dienstag, 18. Oktober 2011

Zunge in Autan




Von der avantgardistischen Gruppe Kraftwerk war ich damals in den 70er Jahren ein großer Fan. Ich hatte mir immer sehnlichst gewünscht, einmal in einem ihrer Musikvideos mitspielen zu dürfen.  
Die Berliner Gruppe Brandt Brauer Frick ist für mich heute das, was Kraftwerk einmal in den 70ern war. Nicht nur, weil sich ihr Artwork mit meinen Idolen etwas ähnelt. Sie sind nämlich auch avantgardistische Musiker und mixen außerirdische Cocktails aus Klassik, Techno und Elektronischer Musik zu einem angejazzten neuem Klangerlebnis.
In dem neuen Video "Pretender" von Brandt Brauer Frick geht es um das Zerrbild einer genusssüchtigen Gesellschaft, die sich letztlich selbst begräbt. Und ich mitten drin! So ist mein Wunsch doch noch in Erfüllung gegangen, wenigstens in einem Musikvideo von Kraftwerk des 21.Jahrhunderts mitzuspielen.
Für meine Rolle in dem Video werden mich viele Männer meines Alters beneiden und so mancher hätte dafür sicherlich viel Geld bezahlt. Doch ich kann Sie beruhigen. Da die alte Villa sich inmitten eines Sumpfgebietes befand, kamen auf einen Quadratmeter etwa einige Tredezilliarden Stechmücken und deshalb waren alle wohlgeformten Frauenbeine dick mit Autan eingeschmiert. Man kann sich vorstellen, wie sich eine Zunge anfühlt, die literweise Autan aufleckt - das schmeckt wie Hupe!
So, und nun viel Spaß bei der Suche nach dem Graf...

Sonntag, 16. Oktober 2011

KLAPPT DOCH!

Donnerstagabend im Intercity von Berlin nach Münster. Als der Zug in Wolfsburg hält, erschallt Beifall aus einigen Abteilen.

Diese Geschichte erschien am 16.10.2011 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".