Montagmorgen auf der Stresemannstraße. Zwei junge Leute, beide mit Rucksäcken, fragen, wo denn die "Typografie des Terrors" sei.
Sonntag, 31. Oktober 2010
Donnerstag, 28. Oktober 2010
Floraner: "Nüsse knacken ist Folter, Gemüseeintopf ist Mord!"
Sie verschmähen jegliche pflanzliche Nahrung, tragen weder Baumwolle noch Leinen – Floraner lehnen jede Nutzung von Pflanzen ab. Auch gemäßigte Floraner melden Zulauf: Die Deutschen essen immer weniger Gemüse und Obst, für Gemüse- und Obstbauern brechen magere Zeiten an.
„Möhren werden brutal aus ihrer Erde gerissen, Äpfeln wird unter Qualen bei lebendigem Leib die Haut abgezogen, in Stücke geschnittene blutjunge Kartoffeln in siedend heißem Fett gequält – das alles mache ich nicht mehr mit“, sagt Thorsten Schlosser (46), seit fast zwei Jahren obst- und gemüselos. „Ein Radieschen hat auch Gefühle.“
Mit Thorsten Schlosser halten es nur zwei Prozent der Bundesbürger. Sie essen weder Obst noch Gemüse, obwohl in einer Fortsa-Umfrage zwölf Prozent der Meinung waren, „Gemüse ist ungesund.“.
Der Konsum aber sinkt beständig von 2005 bis heute von 120 auf 91 Kilo jährlich je Bundesbürger. Obstplantagen müssen schließen, viele Großmärkte schreiben rote Zahlen, Gemüseläden machen dicht.
Der Konsum aber sinkt beständig von 2005 bis heute von 120 auf 91 Kilo jährlich je Bundesbürger. Obstplantagen müssen schließen, viele Großmärkte schreiben rote Zahlen, Gemüseläden machen dicht.
Der größte Feind der Obst- und Gemüsebranche ist dabei nach wie vor sie selbst. Berichte über qualvolle Enge in Gemüsetransporten, Blattläuse im Salat, Würmer in Äpfeln, eisenhaltiger Spinat, Kohlrabiwahn und Kartoffelpest, Gen-Tomaten, pflanzenverachtendes grausames Ernten und Umweltbelastung durch Kirschkerne verderben den Deutschen zunehmend den Appetit.
Die konsequentesten und militantesten Kostverächter sind dabei die Floraner. Sie essen weder Obst noch Gemüse und verzichten dabei auf Kleidung aus Baumwolle und Leinen. Längst hat die Szene mit Zeitschriften („Erbsen- und Möhrenbefreiung aktuell“), Konzerte und Gruppen („Florane Offensive“) ein eigenes subkulturelles Netz geknüpft und bekocht sich selbst. Im Berliner Kiez-Treff „Jurke, wa!“ beispielsweise, einem autonom angehauchten Treffpunkt aus dem Stadtteil Kreuzberg ist jeden Freitagabend „Volxküche“: Da holen sich etwa 30 Jugendliche für fünfzig Cent „Kieselsteinsuppe mit Marmoreinlage“ ab. Diese Suppe soll, nach circa neunzehnstündiger Kochzeit sehr nahrhaft sein „und sehr, sehr lange vorhalten.“ Betonen die Jugendlichen. Sven Ebersbacher, einer der Volx-Küche-Köche musste zum Beispiel etliche Steinbrüche „bis nach Italien“ abklappern, bis er endlich das Rezept beisammen hatte.
Auch für Floraner wird die Kleiderwahl zur Qual: Baumwolle und Leinen sind tabu. Wenn es kalt wird, trägt Ebersbacher Nyltest-Hemden aus den Sechziger Jahren, darüber einen neonfarbenen Trevira-Pullover. Gegen Regen schützt ein blauer Müllsack.
Wenige Meter von Ebersbachers Volxküche entfernt liegt das Geschäft des Gemüsehändlers Gülan Özgül. Nachts wurde es schon mit gemüsefeindlichen Parolen besprüht (siehe Foto). An einem Gemüsegroßmarkt halten Floraner jeden zweiten Mittwoch im Monat eine Mahnwache mit Transparenten wie: „Gemüse essen verursacht Gewalt gegen Pflanzen!“
Doch nicht immer so friedlich sind ihre Ziele: In Westfalen schlugen Floraner die Scheiben von zwei Gewächshäusern des „Blumenkohlbarons“ Heinrich Böckmann ein. Andere sabotierten vegetarische Restaurants oder sägen heimlich Gemüseregale in Bioläden an. In Mühlheim demonstriert „Vegetable Peace“ vor dem Gemüsegroßmarkt („Erbsen sind auch nur Menschen!“).
Während die einen eine neue Ethik fordern, meint der österreichische Philosoph und Gemüserechtler Franz E. Pichelsteiner: „Wir brauchen für Gemüse keine neue Moral. Wir müssen lediglich aufhören, Gemüse aus der vorhandenen Moral auszuschließen.“ Die Befreiung von Obst und Gemüse sei deshalb heute ebenso wichtig, wie einst die Befreiung der Sklaven war.
Thorsten Schlossers Traum vom Paradies aber ist, „irgendwann mal auszuwandern, da wo nur Steinbeißer leben, in eine Steinwüste oder so, ey…“
Mittwoch, 27. Oktober 2010
Mittwoch, 20. Oktober 2010
Geheimes Tagebuch
"Lo Graf von Blickensdorfs Geheimes Tagebuch 2010", 21 cm x 16 cm, Preis: 500 Euro ohne Schlüssel, 2500 Euro mit Schlüssel
Sonntag, 10. Oktober 2010
Kindchenschema
Dienstagmittag vor Rogacki in der Wilmersdorfer Straße. Eine gestresste Angestellte räumt das gebrauchte Geschirr ab. Dann wirft sie einen Blick in einen in der Nähe stehenden Kinderwagen und sagt: "Sei froh, dass du noch nicht arbeiten musst."
Freitag, 8. Oktober 2010
Wo kommt eigentlich das Blaue Blut her?
Ein schmuckloser Hinterhof in Charlottenburg. Wir betreten eine große Fabrikhalle und werden von einem gepflegten Mittvierziger im klinisch reinen weißen Kittel begrüßt. Er stellt sich als Dr. Grewe und als der Leitende Parfümmeister vor. Derzeit arbeiten 20 Mitarbeiter bei BLAUES BLUT, davon über die Hälfte in der Produktion. „Das steigt jetzt aber bis zur Vorweihnachtszeit kontinuierlich auf 60 Mitarbeiter an“, sagt Dr. Grewe.
Die Produktionsstätte sieht wie eine Hexenküche aus: Dampfende Laboreinrichtungen, Tiegel und Töpfe mit undefinierbaren Inhalten und an den Wänden Regale mit endlosen Reihen von Tinkturen und ätherischen Ölen. Über der Fabrikhalle liegt ein betörender Duft.
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Auf seinem Schreibtisch liegen neben dem Wirtschaftsmagazin auch das Ratgeberbuch „Das Harvard Konzept. Der Klassiker der Verhandlungstechnik.“ Die BLAUES-BLUT-Macher haben noch viel vor. Autorin: Bettina von Sell
Donnerstag, 7. Oktober 2010
Dienstag, 5. Oktober 2010
Westalgie
Dienstagabend im 100er Bus. Im Oberdeck sitzt ein sich anschweigendes älteres Ehepaar. Als der Fahrer am Reichstag vorbeifährt und die Station „Platz der Republik“ ausruft, ruft der Mann erleichtert aus: „Endlich wieder in Westberlin!“
Sonntag, 19. September 2010
Miesepetra
Freitagnachmittag im Café am Lietzensee. Es ist ein warmer, sonniger Spätsommertag. Ein altes Ehepaar setzt sich an einen Tisch am Wasser. Er: "Hier ist es wunderschön!" Daraufhin die Frau: "Wunderschön ist relativ."
Montag, 6. September 2010
Hauen und Stechen
Berlin. Mittwochnachmittag vor der Currystation 36 an der Otto-Suhr-Allee. Ein dicker Mann Anfang 50 isst mit Heißhunger seine Currywurst und wird dabei von einer Wespe belästigt. Wild fuchtelnd schlägt er nach ihr und wird prompt in den Unterarm gestochen - daraufhin erschlägt er sie und sagt: "Icke, icke bin Berliner, sticht mich wer, den hau ick nieder."
Donnerstag, 26. August 2010
Autokrise
Berlin, Klausener Platz, nachmittags um zwei. Ein Mann versucht mühevoll, seinen Kleinwagen einzuparken. Als es ihm nicht gelingt, lässt er das Auto einfach schräg in der Parklücke stehen und steigt aus. Eine Frau, die ihn dabei die ganze Zeit beobachtet hat, sagt zu ihm: "Können Sie Ihr Auto nicht richtig hinstellen? Sonst heißt es doch, da hat mal wieder eine Frau eingeparkt."
Montag, 16. August 2010
Schöne Vorstellung
Mittwochabend, auf der Premiere des Films "Me Too" im Cinema Paris. Der Hauptdarsteller im Film sagt: "Wer sich langweilen will, geht in den Garten Eden, und wer Spaß haben will, in die Hölle." Im Publikum brandet Beifall auf.
Lola Dueñas vor der Premiere des Films "Me too" in Berlin auf dem Kurfürstendamm
(Foto: L.G.v.Blickensdorf)
Montag, 19. Juli 2010
Interview mit dem Grafen
K.J.S.: Darf ich Dir ein paar hoch brisante Fragen stellen, oder bin ich dir nicht blau genug?
GRAF: Gott bewahre. Ich mache da keine Unterschiede. Mein Vorfahre, Graf Ulrich der Vielgeliebte, sagte einmal so treffend: Adel sitzt im Gemüte - nicht im Geblüte.
K.J.S.: Ich kenne dich nun schon seit acht Jahren. Du siehst als Graf plötzlich 16 Jahre jünger aus als 2002. Allein deshalb hat es sich schon gelohnt, adelig zu werden, oder?
GRAF: Ich habe es bis heute noch nie bereut. Ich habe ja tatsächlich adelige Vorfahren. Diese Gene schlummerten wohl seit Jahrzehnten in mir. Und jetzt, wo ich es ausleben kann, bin ich glücklich. Und glückliche Menschen sehen immer jünger aus, als sie in Wirklichkeit sind. Hinzu kommt, dass ich mich jetzt anders kleide (siehe auch in meinem Buch auf Seite 16). Wenn man sich nur in den klassischen Geriatriefarben wie beige, grau, schlamm und uringelb kleidet, muss man sich nicht wundern, dass man aussieht wie der große Bruder von Johannes Heesters.
K.J.S.: Hättest du damit gerechnet, dass dein hinreißendes Buch Werden Sie doch einfach Graf! leichsam Fan-Gemeinden gebärt, die dir über ungezählte Kilometer hinweg zu Lesungen folgen?
GRAF: Nein, nicht im geringsten. Ich werde überall gebührend empfangen, und meine Fangemeinde wächst täglich. Es gibt Fans, die meine Comedy-Lesungen schon mehrmals hintereinander besucht haben. Da freue ich mich sehr drüber. Dass ich einmal im legendären SO36 in Kreuzberg vor über 250 Zuhörern aus meinem Buch vorlese, hätte ich nie gedacht. Außerdem lerne ich Städte kennen, wo ich noch niemals war und wohl nie hingekommen wäre. Im SO36 habe ich übrigens einen lustigen Klospruch gelesen: Hier starb mein Sohn, neun Monate bevor er geboren wurde, in einem wilden Handgemenge.
K.J.S.: Wie geht's deinen Begleit-Geniestreichen wie etwa dem Duftwasser Blaues Blut?
GRAF: Mit dieser Frage rennst du mir offene Drehtüren ein. Also, den Duft Blaues Blut habe ich auf meinem Sommersitz Gut Dünken entwickelt. Das Parfüm zum Buch. Der klassische Duft für Damen und Herren nach einem alten traditionellen Parfümrezept der Grafen von Blickensdorf, seit dem 19. Jahrhundert unverändert – jetzt habe ich ihn wieder frisch aufgelegt. Ich habe allerdings total unterschätzt, dass die Parfümherstellung so aufwändig ist. Aber mit Hilfe einer guten Freundin, übrigens auch eine Gräfin, habe ich ein ganz passables Parfüm hin bekommen, das sich durchaus mit den großen Düften dieser Welt messen kann. Erhältlich ist dieser Wohlgeruch in meinem Adels-Shop:
http://blauesblut.bigcartel.com/product/parf%C3%BCm-blaues-blut
Dort gibt es auch einen königlichen Bleistift, ein Adels-Ratzefummel und eine Gräfliche Fahrradklingel, die ich auch persönlich an meinem alten Miele-Fahrrad, das ich zuweilen auch liebevoll ITS (Ich Trete Selbst) nenne, benutze. Diese formschöne Klingel wird in einer kleinen traditionsreichen Klingelfabrik nahe der holländischen Grenze hergestellt. Ich konnte exklusiv eine kleine Stückzahl für meinen Adels-Shop ergattern. Um die Langlebigkeit dieser Klingel zu garantieren, solltest du allerdings deinem Kammerherrn auftragen, die Mechanik einmal jährlich mit einem Tropfen guten Öls zu versehen.
K.J.S.: Ich habe eine Kammer-Frau(!). Ganz unter uns: Du kannst mir doch nicht erzählen, dass die Heerscharen von Damen jeglicher Provenienz, die dich als Graf jetzt unentwegt in Versuchung führen, spurlos an deinem Schlafrhythmus etc. vorüber gehen...
GRAF: Diese Frage passt nicht zu meiner Antwort. Ich bevorzuge nach wie vor mein Schlafzimmer, dass ich zumeist Kathedrale des Erotischen Elends nenne, weil ich schon an meinem zweiten Buch arbeite. Die Versuchung ist allerdings sehr groß. Aber der Kavalier genießt und schweigt...
K.J.S.: Und jetzt spielst du auch noch in Werbefilmen mit?
GRAF: Das ist richtig. Und zwar für Wulle-Bier.
K.J.S.: Wulle-Bier? Ist das ein Witz?
GRAF: Nein, das Bier gibt es wirklich. Es kommt aus einer kleinen Stuttgarter Brauerei und wird jetzt hier in den Berliner Scene-Clubs langsam zum richtigen Szene-Kult-Getränk. Wahrscheinlich weil sich das Wort "Wulle" sehr berlinerisch anhört. Schon Sam The Sham and the Pharaos sangen damals 1965 Wulle Wulle (hihi, kleiner Witz). Da war ich 14 und im Internat. Der geniale Regisseur Oliver Kyr hat mit seinem Team eine schöne kleine skurrile Reihe gedreht: Der Graf und sein Töchterlein. Meine Tochter spielt übrigens die wunderbare Schauspielerin Nike Martens.
K.J.S.: Bei einer deiner letzten Lesungen hast du nebenbei ein Schwert verschluckt. Verändert der Adel auch die Essgewohnheiten?
GRAF: Absolut! Ich habe ja in mein Programm kleine Zaubertricks und akrobatische Übungen eingebettet. Und inspiriert durch die Einladung der Ritterbruderschaft Edler Namen bin ich auf das Schwert gekommen, mit dem schon meine Vorfahren in die Kreuzzüge gezogen sind. Ich verschlucke es bis zum Griff. Deshalb darf ich an dem Tag nichts essen, sonst ziehe ich nämlich einen gespickten Schaschlik-Spieß wieder heraus. Und das möchte ich den Zuschauern nicht zumuten. Wichtig ist, dass das Schwert immer schön scharf ist, denn sonst verderbe ich mir bei der Nummer den Magen. Ich habe dadurch sehr abgenommen. Egal, Adel verpflichtet.
K.J.S.: Du hast auch im Yorckschlösschen gelesen. Das machte den Eindruck eines gefeierten Heimspiels...
GRAF: Das war es auch. An diesen Abend denke ich immer noch gerne zurück. Eine glückliche Fügung wollte es, dass die großartige Jazzsängerin Nina Ernst live (!) das von ihr extra für mich komponierte und getextete Lied Achtung, der Graf kommt! sang und es dadurch ein fulminanter Abend wurde. Sehr viel dazu beigetragen haben auch der Chef vom Yorckschlösschen und sein Team, denen ich an dieser Stelle meinen Gräflichen Dank aussprechen möchte. Das legendäre Yorckschlösschen findet übrigens auch in meinem Buch löbliche Erwähnung.
K.J.S.: Woran liegt es, dass Symptome wie Orientierungslosigkeit, allgemeine Flugangst, Ess- und Trinkstörungen oder auch frühzeitiges jähes Altern speziell bei Menschen diagnostiziert werden, die noch nie im Yorckschlösschen waren oder einfach zu selten dort hin gehen?
GRAF: Weil das Yorckschlösschen ein magischer Ort ist. Ich liebe besonders den Yorckschlösschen-Biergarten über alles. Wenn es meine knapp bemessene Zeit erlaubt, gehe ich dort immer hin. Es gibt nichts Schöneres, als in einer lauen Sommernacht dort ein leckeres Bier zu trinken, sich eine schmackhafte, hausgemachte Rindsroulade (schön mit Rotkohl) zu Gemüte zu führen und den eiligen Schritten der hübschen Kellnerin im weißen Kies zu lauschen. Dann könnte ich ausrufen: Oh Augenblick, verweile, du bist so schön!
K.J.S.: Was möchtest du noch los werden, bevor ich dir für dieses aufschlussreiche Gespräch vielmals danke?
GRAF: Liebe Leute, kauft alle mein Buch. Damit tut ihr Gutes. Denn der Reinerlös ist für einen guten Zweck - nämlich für mich!
K.J.S.: Ich danke dir für dieses aufschlussreiche Gespräch vielmals!
GRAF: Ganz meinerseits, bis danzig...
(Das Interview führte Karl Johannes Schindler)
Freitag, 16. Juli 2010
Die Volksunterhose
Als kleine Ergänzung zu meinem Buch hier ein Brief, der aus terminlichen Gründen leider nicht gedruckt werden konnte:
An die unter Insolvenzverwaltung stehende Schiesser AG:
Betr.: Geschäftsidee
Sehr geehrte Damen und Herren!
Aus der Tagespresse erfuhr ich mit Schrecken, dass es Ihrem Unternehmen sehr schlecht geht. Da unsere ganze Familie männlicherseits traditionell ausschließlich Schiesser-Unterwäsche (Doppelripp mit Eingriff) trug und immer noch trägt, wäre es sehr schade, wenn so eine althergebrachte Firma vom Markt verschwinden würde. Deshalb möchte ich Ihnen vorschlagen, eine neu entwickelte Unterhose herauszubringen, die von der Bevölkerung in Massen gekauft wird. Eine so genannte „Volksunterhose“. Dafür würde ich Ihnen sogar meinen Namen zur Verfügung stellen („Graf Blickensdorf Underware“). Und unser Familienwappen könnte quasi an der Stelle prangen, hinter der sich die Männlichkeit verbirgt. Sie wissen schon was ich meine („zwinker, zwinker“).
Es ist ja bekannt, dass sich Produkte mit Adelsnamen sehr gut verkaufen und bei den Kunden Vertrauen hervorruft. Als Beispiel nenne ich nur „Fürst Metternich Sekt“, Graf Lambsdorff (trotz Vorstrafe!) von der FDP, Steffi Graf (nein, kleiner Scherz) und Graf Zeppelin.
Alles weitere würde ich gerne mit Ihnen in einem persönlichen Gespräch besprechen und verbleibe
Hochachtungsvoll
Lo Graf von Blickensdorf
Und hier die Antwort vom 20. März 2009:
Sehr geehrter Herr Graf von Blickensdorf,
vielen Dank für Ihr Schreiben vom 17. Februar 2009.
Wir freuen uns sehr über die Welle der Sympathiebekundungen, die unserem Unternehmen und der Marke Schiesser in den letzten Wochen entgegengebracht wurde; sind sie doch Zeichen und Ausdruck dafür, dass Schiesser als feste Größe in der Wäschebranche nicht vom deutschen Markt wegzudenken ist.
Vielen Dank für Ihr Angebot, uns Ihr Familienwappen zur Vermarktung unserer Produkte zur Verfügung zu stellen. Wir freuen uns natürlich sehr über ideenreiche Anregungen und Vorschläge zur Unterstützung der Marke Schiesser. Momentan sehen wir leider keine Einsatzmöglichkeiten für Ihr Wappen. Wir werden die Idee jedoch im Auge behalten und bei Bedarf gerne wieder auf Ihr freundliches Angebot zurückkommen.
Mit freundlichen Grüßen
S C H I E S S E R A G
Sprecher des Vorstandes
Rudolf B.
Montag, 12. Juli 2010
Schloss Blickensdorf
Erste Erwähnung fand Schloss Blickensdorf am 1. August 1776 in einer Urkunde, als mit der ersten polnischen Teilung das Herzogtum Pomerellen an das Königreich Preußen fiel, wo es Teil der Provinz Westpreußen wurde, auch Polnischer Korridor genannt. Traditionell war das Gebiet ethnisch gemischt besiedelt: Hier wohnten Deutsche, Polen und Kaschuben.
Der Gründer des Schlosses war Graf Bernhard der Erste, der aus dem Flecken Blickensdorf bei Baar in der Schweiz stammte. Als es zunehmend zu Repressalien gegen die Protestanten kam, verließ er die Schweiz und ließ sich im Herzogtum Pomerellen nieder und errichtete auf den Grundmauern einer verlassenen Slavenburg das Schloss.
Auf Schloss Blickensdorf wurde das Theaterspiel sehr geschätzt. Zu diesem Zweck wurde von Graf Ulrich dem Vielgeliebten ein Nebengebäude als Hoftheater errichtet. Da sich seinerzeit die Aristokratie nicht gerne wusch, aber die Theateraufführungen wegen der starken Körperausdünstungen nicht auszuhalten waren, erfand Graf Ulrich der Vielgeliebte ein Parfüm namens „Blaues Blut“, das ein Nachfahre heute wieder nach altem Rezept herstellt.
Auch soll es auf Schloss Blickensdorf gespukt haben. Das kam so: Graf Gisebrecht der Schöne hatte einen Hang zum Personal. Und als eines Tages die schöne Gärtnerstochter Bärbel von ihm schwanger war, gab ihr heimlich seine eifersüchtige Frau, die Gräfin Josepha, Gift. Als die schöne Bärbel daraufhin von der Dienerschaft tot in der Orangerie gefunden wurde, heuchelte Gräfin Josepha Trauer und sorgte für eine prunkvolle Beerdigung in der Familiengruft. Genau auf den Tag ein Jahr später wurde Gräfin Josepha exakt an der selben Stelle in der Orangerie, an der die Gärtnerstochter lag, unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden. Seitdem spukten die Gärtnerstochter und die Gräfin in ihren weißen Totengewändern gemeinsam Hand in Hand durch das Schloss. Während des Zweiten Weltkriegs war das Schloss ständig durch den Beschuss russischer Panzer bedroht. Die Grafenfamilie flüchtete unter abenteuerlichen Umständen nach Westfalen, wo sie bei befreundeten Adelsfamilien Unterschlupf fand. Nach dem Krieg war das Schloss notdürftig zum Krankenhaus umfunktioniert worden, bis es 1949 unter rätselhaften Umständen bis auf die Grundmauern abbrannte. Heute befindet sich genau an der Stelle von Schloss Blickensdorf ein Lidl-Parkplatz. Dort wollen Einheimische schon öfters um Mitternacht in der Nähe des Unterstands der Einkaufswagen zwei weißgekleidete Frauen gesehen haben...
Dienstag, 29. Juni 2010
Entsetzliche Ferien
Was gab es in der Kinderzeit Schöneres, als nach dem samstäglichen Wannenbad im Schlafanzug, noch nach "Badedas" duftend, mit dem Ohr an der elterlichen Musiktruhe mit Zehnplattenwechsler zu kleben und Kinderkrimis hören?
Für alle jungen und jung gebliebenen Fans dieses Genres gibt es die CD "Die Ferienbande und die entsetzlichen Ferien" von dem Radio-Comedy-Duo Kai & Sven, die die unzähligen Hörspiele von "TKKG" bis "Fünf Freunde" parodieren. Die Ferienbande, bestehend aus Bernd, früher genannt Beate, Baul, Billy, genannt Bröckchen, Babsi und Bambi, der Hund, bestehend aus allerhand skurrile und turbulente Abenteuer auf der Ferieninsel Rügen.
Da ist zum Beispiel "Strandkorb-Norbert" (exzellent gesprochen von Konrad Halver), der hanebüchene Geschichten über die Insel Rügen erzählt: Von dem Edeka-Markt, der vor hundert Jahren von einem tunesischen Einwanderer und seiner Frau, einer echten baskischen Tusnelda, gegründet wurde, unde über das Gruselhaus in der Mitte der Insel, in dem später ein Single-Club war. Aber genau für das Gruselhaus interessiert sich die Ferienbande nun mal - wie das in Kinderkrimis immer so ist!Die CD ist aufwendig produzier, und die bekannten Hörspielsprecher und Urgesteine Lutz Mackensy ("Fünf Freunde"), Konrad Halver ("Winnetou") und Oliver Rohrbeck ("Die drei ???") nehmen sich dabei selbstironisch auf die Schippe. 70 Minuten Nonsens, Spaß und Satire. Beim Hören fühlt man sich direkt wieder in seine Kinderzeit versetzt und riecht förmlich den Badedas-Duft. Für meinen Geschmack leider nicht anarchistisch genug - aber für mich liegt die Kinderkrimizeit ja auch schon Jahrhunderte zurück. Und Musiktruhen gibt's heute auch nicht mehr.
"Die Ferienbande und die entsetzlichen Ferien", Label Funstation, CD und MP3
Donnerstag, 24. Juni 2010
Der Ball ist Kunst
Das Runde muss in das Eckige: Runde Brötchen in den eckigen Toaster. Oder die runde CD in die eckige CD-Hülle. Aber auch das eckige Bild in das runde Museum of Modern Art. Und Ecki?
(Illustration: Öl auf Leinwand, 55 x 50 cm)
Mittwoch, 23. Juni 2010
Die neue Geizigkeit
Der Gemüsehändler Hassan bei mir an der Ecke verwickelte mich in ein interessantes Gespräch über Wassermelonen. Ich wusste ja gar nicht, dass sie unter anderem auch nierenreinigend sind. Weil ich meinen Nieren mal was Gutes tun wollte, fragte ich Hassan, ob ich eine Melone haben könne. Als er bejahte, schnappte ich mir ein prächtiges Exemplar und ging weiter. "Halt...!" rief mir Hassan hinterher. Als ich ihn verwundert anschaute, sagte er: "...kosten 2,50 das Stück. Ich kann sie nicht verschenken, weil ich davon leben muss." Ich hatte gedacht, er schenkt sie mir.
Nein. So war es gar nicht. Diese Geschichte habe ich mir ausgedacht. Und warum? Weil es mir in letzter Zeit ähnlich wie Hassan oben in der Geschichte geht. Wenn ich nämlich mit vermögenden Freunden über mein Buch rede und sie dann Interesse bekunden und gerne eines haben möchten. Wenn ich ihnen dann eine Widmung reingeschrieben habe und dann höflich um 16,90 Euro bitte, schauen sie mich an wie ein Pferd, das zum ersten Mal vor die Kutsche gespannt werden soll. Dabei geben sie an einem Urlaubstag so viel Geld aus wie ich im ganzen Monat.
Und das Seltsamste ist: Daraufhin werde ich dann später von den "Geschröpften" nur noch sehr kühl gegrüßt. Mit einem Blick, als hätte ich ihr Tafelsilber mitgehen lassen. Und das alles wegen läppischen 16,90? Na Bravo! Feine "Freunde" sind das. Geiz ist die Armut der Reichen, schrieb einmal Werner Mitsch so treffend.
Ach so, übrigens: Gestern hat mich die Putzfrau, die bei mir im Haus immer die Treppe putzt, angesprochen. Sie habe mich im Fernsehen gesehen und fragte nun, wie teuer mein Buch sei. Wenn es nicht zu teuer wäre, würde sie es sich kaufen. Ich schenkte es ihr.
Mittwoch, 16. Juni 2010
Ist das die Unendlichkeit?
Wie weit geht das Foto im IPhone? Unendlich? Und darf man das überhaupt, weil so Schwarze Löcher entstehen könnten? Ist das Universum unendlich oder hört es irgendwo auf, nämlich an einer Mauer, die mit einer Blümchentapete tapeziert ist? Trotz einer starken Lupe habe ich es an meinem IPhone nicht herausgefunden. Albert Einstein sagte einmal dazu: "Das Universum und die Dummheit der Menschen sind unendlich - wobei ich mir beim Universum nicht ganz sicher bin."
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