Diese von mir persönlich erlebte und aufgeschriebene Geschichte erschien am 12.02.2012 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".
Sonntag, 12. Februar 2012
Mut der Verzweiflung
Dienstag, 7. Februar 2012
Barbie’s Kuchenladen
Ich aß einen Cherry Merry Cupcake mit Weingummi-Deko und fühlte mich einen Augenblick so, als wäre gerade mein 11.Geburtstag. Dazu trank ich einen Cappuccino, der außergewöhnlich aromatisch gut nach Bohnen schmeckte, was meine Sympathie für dieses Café unweigerlich noch mehr in die Höhe schnellen ließ. Auf mein Nachfragen erfuhr ich, dass es Italiens beliebtester Kaffee war, nämlich Lavazzo. Kein Wunder.
Die Cupcakes sind sehr schmackhaft, der Teig locker und saftig, die luftig-zarte Creme jedoch nicht so penetrant süß, wie man es von den typischen Ami-Cupcakes gewohnt ist. Ich fühlte mich sehr wohl in dem kleinen Café, denn die beiden fachkundigen und netten Betreiber geben einem zu den
Cupcakes und Cappuccino gute Laune noch gratis dazu. An diesem bitterkalten und mausgrauen Wintertag genau richtig. Also nicht nur Barbie und Ken, auch ich und Menschen jeglicher Couleur werden sich hier sehr wohlfühlen - nur nicht Katzen, die leben am liebsten in einem Miezhaus.
Mittwoch, 1. Februar 2012
Nervöse Geschmacksnerven
Immer wenn ich mal im KaDeWe zu tun habe, werden meine Geschmacksnerven nervös und geschickt dirigieren sie mich in die 6. Etage zur Kuchentheke der Patisserie Lenôtre. Französische Torten zeichnen sich im Gegensatz zu deutschen Torten dadurch aus, dass sie verschiedene Geschmacksrichtungen in einer Torte vereinen.
Dieses Mal wählte ich ein Stück „Miroir Vanille et Framboises“ (s.Foto), das wieder ein Meisterwerk der französischen Konditoreikunst war. Ein wahres Konglomerat wertvoller Ingredenzien.
So hatte ich meine Geschmacksnerven wieder beruhigt und sie entließen mich wieder in das bitterkalte Berlin.
KaDeWe, Kaufhaus des Westens, Tauentzienstraße 21-24, 10789 Berlin
Dienstag, 31. Januar 2012
8 Kernsätze für den Adel
1. Der Adel (im Sinne von edel) ist nicht eine Sache des Namens. Wahrer Adel zeigt sich in entsprechend vorbildlicher Haltung und Lebensführung.
2. Der Adel unterliegt der täglichen Bewährung.
3. Der historische Adel lebt von und durch seine Familien, in denen er sich als Glied einer nicht endenden Kette mit den entsprechenden Konsequenzen sieht. Er steht in der besonderen Verpflichtung den Spagat von Vergangenheit bis zur Zukunft
zu einer Synthese zu verbinden. Sein Familienname ist Identifikation und ein besonders stark verbindendes Element seiner Familie.
4. Der Adel muss sich seiner Verantwortung gegenüber Staat, Kirche, Gesellschaft und Natur im Blick auf die Erhaltung seines kulturellen Erbes bewusst sein.
5. Der Adel hat keine Lebensberechtigung, wenn er nur von der Vergangenheit lebt und sich auf die historischen Taten beruft, an die seine Namen erinnern.
7. Der Adel wirkt im Besonderen durch Glaubwürdigkeit, Toleranz, Bescheidenheit, Einsatzfreude, Loyalität und Dankbarkeit.
8. Der Adel sollte Vorbild in der Bewahrung erhaltenswerter Lebensformen sein, das kulturelle Erbe pflegen, die Langzeitwirkungen zeitgeistiger Strömungen auch im Hinblick der Überlebensfähigkeit der eigenen Familie immer wieder bedenken und auf Herausforderungen der Zeit aufgeschlossen reagieren.
Freitag, 20. Januar 2012
Massenbetankung für Koffeinabhängige
Letzten Samstag besuchte ich mit einem Kollegen den Wochenmarkt auf dem beschaulichen Charlottenburger Karl-August-Platz, weit entfernt vom langweiligen Bionade-Ghetto Prenzlauer Berg. Anschließend wollten wir bei einem Kaffee noch etwas besprechen. Mein Kollege schlug eine Filiale so einer dieser obskuren Amerikanischen Kaffeeketten vor.
Die total überteuerten Amerikanischen Kaffeeketten sind für mich keine Cafés sondern Massenbetankung für Koffeinabhängige und Geschmacksverirrte. Der labbrige Kaffee, vom Berliner „Lorke“ genannt, schmeckt modrig und die klebrigen Muffins schmecken wie alte Bremsscheiben, so dass einem beim Verzehr die Zehennägel in den Budapester Schuhen hochklappen. Von den ganzen Künstlichen Aromastoffen und Geschmacksverstärkern ganz zu schweigen.
Außerdem ziehen die schlitzohrigen Betreiberkonzerne arme äthiopische Kaffeebauern über den Tisch. Also weigerte ich mich, dieses zu unterstützen und schlug stattdessen das ganz in der Nähe gelegene
Café „Aller & Liebst“ vor.
Dort bekamen wir eine sehr nette und ausführliche Kuchenberatung. Ich entschied mich für ein Portugiesen-Törtchen (siehe Foto oben) und mein Begleiter bestellte sich ein Ananastörtchen (Foto links). Kaum saßen wir, kam schon die Konditorin aus ihrer Backstube und, schwupps, bekamen wir beide von ihr einen Löffel dunkler, warmer, himmlisch schmeckender, Schokoladenkuvertüre in den Mund gesteckt. „Nur so zum Probieren.“ meinte sie lächelnd. Wahrscheinlich weil sie uns als Torten-Kenner erkannt hatte.
Das Portugiesen-Törtchen mit seinem exzellenten Blätterteigboden bestach durch Fülle und Komplexität, obwohl kein Portugiese drin war und mein Gaumen machte an diesem trüben Januartag eine unverhoffte kleine Sonnenreise. Und auch das Ananastörtchen erfüllte alle Kriterien. Alles ist garantiert ohne Künstliche Aromastoffe und Geschmacksverstärker und für Allergiker gibt es sogar auch lactose- und glutenfreie Torten und Kuchen. Dieses, von Mutter und Sohn betriebene, urgemütliche Kiezcafé, kann ich nur wärmstens empfehlen.
Und außerdem trägt man so mit seinen Besuchen in kleinen Schritten dazu bei, böse amerikanische Großkonzerne zu zerschlagen.
Mittwoch, 11. Januar 2012
„Wer nicht genießt, wird ungenießbar.“
Das ist der Leitspruch von Frau Behrens Torten in der Wilmersdorfer Straße. Dem kann ich nur voll und ganz beipflichten.
In der Tortenvitrine stehen amtliche Torten, wie sie in der Wirtschaftswunderzeit der 50er und 60er Jahre gerne von meiner Tante Friedchen gemacht wurden: Üppig in Form und Inhalt und mit allerbesten Zutaten. Auf ein paar Tausend Kalorien kam es nicht an. Ich schwankte zwischen der Nusstorte und der Johannisbeer-Baiser-Torte. Ich verzichtete auf die Nusstorte und wählte das Baiser-Stück, denn Nüsse sind ungeborene Bäume.
Scherz beiseite. Als ich den kleinen Gastraum betrat, stellte ich fest, dass er brechend voll war. Ich fand nur einen freien Mini-Tisch. Ich legte ab, ließ mich dort nieder und wartete auf die Johannisbeer-Baiser-Torte. Leider stehen die Tische so eng zusammen, so dass man zwangsläufig das Intimspray der Nachbarin am Nebentisch riechen muss. Und der Geräuschpegel war zeitweilig so laut wie in einem orientalischen Basar kurz vor Basarschluß. Eine Tischnachbarin brüllte mir ins Ohr, dass es demnächst ein „TEFAL-Pfannen-Set für 17.99 Euro“ bei Penny gibt. Das war aber nicht für mich bestimmt sondern für ihre Freundin. Endlich kam meine bestellte Torte. Aufrecht und stolz wie es sich gehört stand sie auf einem schönen Blümchenkuchenteller. Die freundliche Bedienung stellte den Cappuccino und das von mir verlangte Glas Leitungswasser daneben.
Der Cappuccino war sehr gut und wurde in einer hübschen Tasse serviert, auf der „Heidi“ abgebildet war. Der Kaffee stammt nämlich aus der Schweiz und ein Teil des Erlöses geht an die Heidistiftung. Eine gute Sache.
Nun widmete ich mich der Torte und kam ins Schwitzen. Nein, nicht weil die Größe der Torte mich an ein Schweizer Alpenpanorama erinnerte und mir Angst einflößte, sondern weil mein Katzentisch direkt an einem glühendheißen Heizkörper stand.
Nachdem ich die erste Kuchengabel voller Torte im Mund spürte, vergaß ich für einen Wimpernschlag alles um mich herum. Die Mischung aus Eischnee und Johannisbeeren war wunderbar leicht und frisch wie eine Wolke im Frühling. Doch der Heizkörper strahlte so heiß und unerbittlich, da ist der Dampfkessel einer Lokomotive eine lauwarme Wärmflasche dagegen. Mir liefen kleine Schweißrinnsale in den Eterna-Hemdkragen und meine Nasenschleimhäute hätten es jederzeit mit einer 5000 Jahre alten ägyptischen Mumie aufnehmen können. Den Rest der Torte konnte ich leider nicht mehr richtig genießen, weil ich nun ungenießbar wurde. Da nutzten die beiden schönen Kronleuchter auch nichts mehr.
Den Leuten scheint es jedoch zu gefallen. Wie heißt es doch so schön? Alles Geschmacksache, sagte der Affe und biss in die Seife.
Frau Behrens Torten, Wilmersdorfer Str. 96-97, 10629 Berlin
Montag, 2. Januar 2012
Donnerstag, 29. Dezember 2011
Kastenweißbrot, Schnullerräuber und Rolf
Gestern war ich zufällig gerade in der Nähe vom KaDeWe und es war Kaffeezeit – meine schönste Zeit des Tages. Da freue ich mich immer schon den ganzen Tag drauf – auf eine kleine Auszeit bei Kaffee und Kuchen. Also fuhr ich schnurstracks in die 6. Etage zum Lenôtre, das für das Aushängeschild französischer Patisserie der Extraklasse steht.
Ich setzte mich gut gelaunt auf einen Barhocker am Tresen und bestellte einen Milchcafé – den ich prompt ohne dem obligatorischen Glas Leitungswasser bekam. Und das im berühmten KaDeWe, dem größten Kaufhaus auf dem europäischen Kontinent!
An der Kuchentheke versperrte mir eine junge Mutter mit ihrem Kinderwagen, der so groß war, dass Reiner Calmund bequem reingepasst hätte, die ganze Auslage des Tortenangebotes. Als ich sie höflich bat, das Monstrum etwas anders zu parken, sah sie mich mit toten Augen stumpfsinnig an wie ein Kastenweißbrot,
reagierte aber nicht. Sie ging nicht einen Millimeter mit ihrem Ungetüm zur Seite und unterhielt sich weiter mit einer Bekannten über einen gewissen „Mirko“, wahrscheinlich der Kindsvater.
Da ich nicht als mutmaßlicher Schnullerräuber verhaftet werden wollte, versuchte ich nur kurz über den Kinderwagen, aus dem es säuerlich roch, in die Kuchenvitrine zu spähen, bestellte hastig ein Stück Pralinentorte namens „Concerto“ mit Blattgoldverzierung (siehe Foto) und setzte mich wieder auf den unbequemen Barhocker. Aber immerhin noch besser als an den zahlreichen Stehtischen.
Nach dem ersten „Concerto“-Gabelbissen begann in meinem Gaumenraum nicht nur ein Concerto, sondern eine wahre Sinfonie. Alle Sorgen dieser Welt waren blitzartig vergessen! Pjotr Iljitsch Tschaikowski hätte in diesem Augenblick bestimmt eine ganze Sinfonie über dieses Geschmackserlebnis geschrieben. Piano beginnend über forte, um mit fortissimo den Höhepunkt der Gaumenexplosion zu vollenden – doch dazu kam es nicht. „Is‘ dit Ihr’s?“ schreckte mich eine rauhe Raucherstimme auf. Es war ein schinkenspeckgesichtiger Mann Mitte Fünfzig mit Bierbauch und in schlammfarbener Vintagekleidung, der extrem nach Zigarre stank und angewidert auf meine Collegemappe und meinen Übergangsmantel auf dem Barhocker neben mir deutete, als lägen da zwei halbverweste Weißfische. Falls der Mann eine gute Kinderstube genossen hätte, hätte es so geklungen: „Entschuldigung, ist der Barhocker noch frei?“ Hatte er aber nicht. Leider! Ich nahm trotz seiner ruppigen Art freundlich nickend meine Sachen, mangels Garderobe, notgedrungen auf meinen Schoß. Nun saß ich da, eingezwängt wie in einem überfüllten Luftschutzbunker im zweiten Weltkrieg – doch in Wirklichkeit saß ich im bekanntesten Kaufhaus Europas und aß meine Torte zu 4,95 Euro zu Ende. Versehentlich goss ich zu allem Überfluss auch noch reichlich Kaffeesahne in meinen Milchcafé, weil der Kaffeesahnebehälter genauso wie der Zuckerstreuer aussah. Und hinter meinem Rücken schubberten sich gaffende Touristen in teurer High-Tech-Kleidung vorbei, als müssten sie gleich noch zu einem Biwak in die Eigernordwand.
Zu meiner anderen Seite saß ein weißhaariger Mann, der der Bedienung ständig schlüpfrige Zweideutigkeiten zuraunte, dessen Wiederholung hier mir meine gute Erziehung verbietet. Ich wollte hier nur weg. Subito! Ich zahlte für einen mittelmäßigen Milchcafé mit zu viel Kaffeesahne und ein hervorragendes Stück Torte 8,50 Euro. Im Weggehen hörte ich noch, wie das ungehobelte Schinkenspeckgesicht mit feuchter Aussprache in sein Mobiltelefon dröhnte: “… ja, Dommrepp… da ha‘ ick ma von meener Ollen janz schön belatschen lassen...“. Er meinte mit „Dommrepp“ wahrscheinlich die Dominikanische Republik.
Auf dem Weg zur Rolltreppe sah ich, wie in der Teeabteilung einem Mann eine Packung Rooibush-Tee auf den Boden fiel. Anstatt ihn aufzuheben und ihn wieder ins Regal zu legen, ging er einfach achtlos weiter. Ich hob die Packung auf und legte sie zurück an ihren angestammten Platz und nahm die Rolltreppe, auf der ich auch noch von einem südländisch aussehenden Ehepaar angerempelt wurde, ohne dass man sich dafür entschuldigte. Plötzlich endete die Rolltreppe unverhofft in der 3. Etage. Ich fand aber keine andere Rolltreppe, die nach unten fuhr. Da ich in weiter Ferne einen Fahrstuhl entdeckte, beschloss ich, dort hin zugehen. Doch besser gesagt als getan.
Eine russische Oligarchengroßfamilie mit vielen sperrigen Tüten und Paketen bepackt, versperrte mir den Weg zum Fahrstuhl. Alle waren gerade mit ihren brillantenverzierten iPhones dabei, simsend die Welt um sich vergessend. Als ich höflich fragte, ob ich bitte einmal vorbei dürfe, wurde ich plötzlich mit allen russischen Flüchen bombardiert, die es in Russland gibt. Ich wollte nur raus, raus, raus! Ich bekam schlechte Laune und schaffte es gerade noch wie ein geprügelter Hund in den Fahrstuhl – doch oh Gott! – er fuhr wieder nach oben! Irgendwann fand ich dann aber die normale Rolltreppe. Am Ausgang gingen die Menschen kuhherdenartig ein und aus, ohne sich gegenseitig die Türen aufzuhalten. Endlich stand ich wieder unten auf der Straße vor meinem treuen Miele-Fahrrad. Ich schwang mich auf den Sattel und fuhr los in Richtung Heimat.
Während ich auf dem Kurfürstendamm von rüpelhaften Taxifahrern und übelgelaunten BVG-Bus-Fahrern gefährlich geschnitten wurde, dachte ich über die schlechten Umgangsformen nicht nur reicher Zeitgenossen nach. Sind es etwa die skrupellosen und unmoralischen Verhaltensweisen von Politikern und Bankern, die sich nun auf die Umgangsformen der Bevölkerung niederschlagen?
Während ich noch darüber nachdachte, sah ich von weitem Rolf Eden, der gerade zu Fuß an der Ecke Kurfürstendamm die Knesebeckstraße überquerte. Als er mich sah, rief er mir gut gelaunt „Exzellenz!“ zu und deutete augenzwinkernd einen Hofknicks an. Na bitte! Es gibt sie doch noch – die wohlerzogenen Leute - plötzlich war meine ganze schlechte Laune wie verflogen. Danke Rolf!
An der Kuchentheke versperrte mir eine junge Mutter mit ihrem Kinderwagen, der so groß war, dass Reiner Calmund bequem reingepasst hätte, die ganze Auslage des Tortenangebotes. Als ich sie höflich bat, das Monstrum etwas anders zu parken, sah sie mich mit toten Augen stumpfsinnig an wie ein Kastenweißbrot,
reagierte aber nicht. Sie ging nicht einen Millimeter mit ihrem Ungetüm zur Seite und unterhielt sich weiter mit einer Bekannten über einen gewissen „Mirko“, wahrscheinlich der Kindsvater.
Da ich nicht als mutmaßlicher Schnullerräuber verhaftet werden wollte, versuchte ich nur kurz über den Kinderwagen, aus dem es säuerlich roch, in die Kuchenvitrine zu spähen, bestellte hastig ein Stück Pralinentorte namens „Concerto“ mit Blattgoldverzierung (siehe Foto) und setzte mich wieder auf den unbequemen Barhocker. Aber immerhin noch besser als an den zahlreichen Stehtischen.
Nach dem ersten „Concerto“-Gabelbissen begann in meinem Gaumenraum nicht nur ein Concerto, sondern eine wahre Sinfonie. Alle Sorgen dieser Welt waren blitzartig vergessen! Pjotr Iljitsch Tschaikowski hätte in diesem Augenblick bestimmt eine ganze Sinfonie über dieses Geschmackserlebnis geschrieben. Piano beginnend über forte, um mit fortissimo den Höhepunkt der Gaumenexplosion zu vollenden – doch dazu kam es nicht. „Is‘ dit Ihr’s?“ schreckte mich eine rauhe Raucherstimme auf. Es war ein schinkenspeckgesichtiger Mann Mitte Fünfzig mit Bierbauch und in schlammfarbener Vintagekleidung, der extrem nach Zigarre stank und angewidert auf meine Collegemappe und meinen Übergangsmantel auf dem Barhocker neben mir deutete, als lägen da zwei halbverweste Weißfische. Falls der Mann eine gute Kinderstube genossen hätte, hätte es so geklungen: „Entschuldigung, ist der Barhocker noch frei?“ Hatte er aber nicht. Leider! Ich nahm trotz seiner ruppigen Art freundlich nickend meine Sachen, mangels Garderobe, notgedrungen auf meinen Schoß. Nun saß ich da, eingezwängt wie in einem überfüllten Luftschutzbunker im zweiten Weltkrieg – doch in Wirklichkeit saß ich im bekanntesten Kaufhaus Europas und aß meine Torte zu 4,95 Euro zu Ende. Versehentlich goss ich zu allem Überfluss auch noch reichlich Kaffeesahne in meinen Milchcafé, weil der Kaffeesahnebehälter genauso wie der Zuckerstreuer aussah. Und hinter meinem Rücken schubberten sich gaffende Touristen in teurer High-Tech-Kleidung vorbei, als müssten sie gleich noch zu einem Biwak in die Eigernordwand.
Zu meiner anderen Seite saß ein weißhaariger Mann, der der Bedienung ständig schlüpfrige Zweideutigkeiten zuraunte, dessen Wiederholung hier mir meine gute Erziehung verbietet. Ich wollte hier nur weg. Subito! Ich zahlte für einen mittelmäßigen Milchcafé mit zu viel Kaffeesahne und ein hervorragendes Stück Torte 8,50 Euro. Im Weggehen hörte ich noch, wie das ungehobelte Schinkenspeckgesicht mit feuchter Aussprache in sein Mobiltelefon dröhnte: “… ja, Dommrepp… da ha‘ ick ma von meener Ollen janz schön belatschen lassen...“. Er meinte mit „Dommrepp“ wahrscheinlich die Dominikanische Republik.
Auf dem Weg zur Rolltreppe sah ich, wie in der Teeabteilung einem Mann eine Packung Rooibush-Tee auf den Boden fiel. Anstatt ihn aufzuheben und ihn wieder ins Regal zu legen, ging er einfach achtlos weiter. Ich hob die Packung auf und legte sie zurück an ihren angestammten Platz und nahm die Rolltreppe, auf der ich auch noch von einem südländisch aussehenden Ehepaar angerempelt wurde, ohne dass man sich dafür entschuldigte. Plötzlich endete die Rolltreppe unverhofft in der 3. Etage. Ich fand aber keine andere Rolltreppe, die nach unten fuhr. Da ich in weiter Ferne einen Fahrstuhl entdeckte, beschloss ich, dort hin zugehen. Doch besser gesagt als getan.
Eine russische Oligarchengroßfamilie mit vielen sperrigen Tüten und Paketen bepackt, versperrte mir den Weg zum Fahrstuhl. Alle waren gerade mit ihren brillantenverzierten iPhones dabei, simsend die Welt um sich vergessend. Als ich höflich fragte, ob ich bitte einmal vorbei dürfe, wurde ich plötzlich mit allen russischen Flüchen bombardiert, die es in Russland gibt. Ich wollte nur raus, raus, raus! Ich bekam schlechte Laune und schaffte es gerade noch wie ein geprügelter Hund in den Fahrstuhl – doch oh Gott! – er fuhr wieder nach oben! Irgendwann fand ich dann aber die normale Rolltreppe. Am Ausgang gingen die Menschen kuhherdenartig ein und aus, ohne sich gegenseitig die Türen aufzuhalten. Endlich stand ich wieder unten auf der Straße vor meinem treuen Miele-Fahrrad. Ich schwang mich auf den Sattel und fuhr los in Richtung Heimat.
Während ich auf dem Kurfürstendamm von rüpelhaften Taxifahrern und übelgelaunten BVG-Bus-Fahrern gefährlich geschnitten wurde, dachte ich über die schlechten Umgangsformen nicht nur reicher Zeitgenossen nach. Sind es etwa die skrupellosen und unmoralischen Verhaltensweisen von Politikern und Bankern, die sich nun auf die Umgangsformen der Bevölkerung niederschlagen?
Während ich noch darüber nachdachte, sah ich von weitem Rolf Eden, der gerade zu Fuß an der Ecke Kurfürstendamm die Knesebeckstraße überquerte. Als er mich sah, rief er mir gut gelaunt „Exzellenz!“ zu und deutete augenzwinkernd einen Hofknicks an. Na bitte! Es gibt sie doch noch – die wohlerzogenen Leute - plötzlich war meine ganze schlechte Laune wie verflogen. Danke Rolf!
Samstag, 24. Dezember 2011
Charmant!
Mittwochnachmittag in der Patisserie Harry Genenz in Westend. Zwei ältere Herren haben schon einige Gläser Rotwein getrunken und schimpfen über dies und das. Am Nachbartisch schaut eine ältere Dame pikiert herüber. Da ruft der eine Herr ihr zu: “Fühlen Sie sich beobachtet, gnädige Frau?” Sie schüttelt den Kopf. Er erwidert: “Dann sind sie hier richtig!”
Diese von mir persönlich erlebte und aufgeschriebene Geschichte erschien am 24.12.2011 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".
Sonntag, 18. Dezember 2011
Warum ich mein Geld lieber für Torten ausgebe
Gestern in der Herrenabteilung vom KaDeWe. Da sehe ich doch tatsächlich in einer Vitrine ein paar hässliche Socken für 860 Euro (siehe Foto)! Da war ich vielleicht von den Socken, das können Sie mir glauben. Dabei soll es sich um Vicuna-Socken handeln, die aus der seltensten und teuersten Wolle der Welt verarbeitet sind. Die Vicuna-Wolle aus Südamerika ist leichter, wärmer und weicher, als alle anderen Naturfasern, behauptet zumindest eine goldglänzende Schrifttafel.
Früher in den 60er und 70er Jahren trug man entweder kratzige Wollsocken, die nach zwei Wäschen bequem einem Playmobil-Männchen passten oder hauchdünne Socken der Firma Goldfalter aus Helanca, so dass man nicht nur kalte sondern auch Schweißfüße bekam. Das ist heute Gottseidank anders. Ein paar gute Socken mit Woll- und Kaschmiranteil kosten so zwischen 10 und 18 Euro. Mit Warme-Füße-Garantie. Da brauche ich doch keine megateuren Vicuna-Socken.
Und wer kennt das nicht? Man steckt ein Paar Socken in die Waschmaschine und es kommt nur eine Socke heraus. Was macht man dann? Schwupp, ist man 430 Euro los – auf Nimmerwiedersehen. Nein, nicht mit mir. Ich bin ja der Meinung, dass die Socken manchmal untereinander Ehestreit haben und deshalb ein Teil unvermutet verschwindet. Um ein neues Socken-Leben zu beginnen, flüchten sie dann heimlich in ein Paralleluniversum namens „Strümpfenien“, dass von einer mächtigen Schafwollsocke der Größe 58 regiert wird. Und auf eine seltene Vicuna-Socke wartet das Volk der geflüchteten Einzelsocken sicherlich nur noch. Vicuna-Socken wären in „Strümpfenien“ bestimmt etwas besonderes und würden von den Normalosocken mit Respekt behandelt werden.
Noch ein Nachteil: Man kann noch nicht mal angeben damit, weil die Leute die Socken nicht sehen können, wenn man sie trägt. Es sei denn, man läuft ohne Schuhe. Aber so, dass man auch unter die Fußsohle schauen und das Label sehen kann. Vielleicht in einem albernen Monty-Python-Gang? Und zufällig vorbei kommende Sockenfachleute bleiben dann plötzlich stehen und sagen voller Ehrfurcht: „Schau mal, der trägt ja echte Vicuna-Socken – aus der teuersten Wolle der Welt! Das ist der Ferrari unter den Socken!“
Aber wer kauft denn so etwas? Wahrscheinlich nur Angeber mit Geschmacksverirrung. Der einzige, der mir einfiele, wäre der zur Zeit wahrheitssuchende Tankstellenbesitzer und Noch-Bundespräsident Wulf. Denn der hat reiche Freunde, die ihm ohne weiteres mit „Krediten“ aushelfen können. Außerdem hat er schlechten Geschmack – denn wer würde sich sonst für über 500.000 Euro so ein hässliches Haus bauen? Dem könnte man bestimmt ohne weiteres diese Socken andrehen. Das passt dann wieder: Auf hässlichen Socken durch ein hässliches Haus laufen.
Da bleibe ich lieber bei meiner Torte. Die macht mir gute Laune, man ist falschen Freunden zu nichts verpflichtet und wenn die Torte weg ist, weiß man, wo sie ist.
Montag, 12. Dezember 2011
Zuckerschock!
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| Schoko-Kuppel im Zuckerschock |
Nein, keine Angst, werter Leser, ich habe nicht zu viele Torten gegessen - es ist ein neues Café selben Namens in Kreuzberg.
Ich bestellte mir erwartungsvoll ein Stück Torte "Cassis mit Passionsfrucht". Während das adelige Fräulein, das mich begleitete, sich für das "Schoko-Kuppel-Törtchen" entschied. Beide Pretiosen waren zu unserer vollsten Zufriedenheit. Meine Cassis-Passionsfrucht-Torte" hatte einen herrlich mürben Tortenboden, der die fruchtig-süße Last mühelos trug, ohne ins Schwitzen zu kommen. Denn so müssen Fruchttorten sein - unten trocken, oben fruchtig-feucht - und nicht umgekehrt, was ich leider bei meinen zahllosen Café-Besuchen schon häufig festgestellt habe.
Die Torte scheint auch der Renner im Zuckerschock zu sein, denn schon nach kurzer Zeit war die vorher noch ganze Torte verkauft.
Auch meine Begleiterin war mit ihrer "Schoko-Kuppel" vollauf zufrieden, hatte aber anfangs Angst, die schöne goldverzierte glänzende Kuppel mit ihrer Kuchengabel zu zerstören. Das konnte ich nachvollziehen, denn es ist ein ähnliches Gefühl, als würde man in die Kuppel vom Petersdom stechen.
Und zu meiner großen Überraschung gab es zum Cappuccino automatisch ein Glas Leitungswasser wie es sich gehört. Das ist in Berlin leider nicht selbstverständlich und ich habe das schon oft bemängelt. Schon alleine dafür hätte das Zuckerschock einen Orden verdient!
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| Cassis-Torte mit Passionsfrucht im Zuckerschock |
Ich habe mir fest vorgenommen, dort im Sommer öfter mal draußen, mit selbst gemachtem Eis aus dem Zuckerschock, in der Sonne zu sitzen, weil das Zuckerschock kein Gegenüber hat und dadurch den ganzen Tag lange Sonne hat. Und die Betreiber brauchen keine Angst zu haben, dass die andere Straßenseite plötzlich zugebaut wird. Denn auf der einen Seite der Bergmannstraße liegen verschiedene Friedhöfe, die auf den Hängen ehemaliger Weinberge angelegt wurden. Und Tote bauen bekanntlich keine Häuser.
Auch ein großes Zeitschriften- und Illustriertenangebot lädt zum längeren Verweilen ein - ideal für arme Freiberufler, Künstler und Studenten.
Abends in meiner Charlottenburger Stammkneipe traf ich eine Bekannte, die von Beruf Ärztin ist. "Na? Was haste heute so gemacht?" fragte sie mich neugierig. "Ich war im Zuckerschock." antwortete ich ihr. Sofort warf sie mir einen kritischen Blick zu und griff instinktiv nach ihrer Arzttasche, um blitzschnell eine Insulinspritze aufzuziehen. "Nein, nein, " beruhigte ich sie, "ich bin nicht durch mein tägliches Tortenessen zum Diabetiker geworden.", und klärte sie auf. Denn meine Formel "NES" bewahrt mich davor, zuckerkrank zu werden (siehe dazu auch meinen vorherigen Artikel vom 8. Dezember auf diesem Blog).
Dieser nette Familienbetrieb mit dem perfekten Service ist einen Besuch wert, man wird danach immer wiederkommen. Nur einen kleinen Makel hat es doch: Es liegt nicht direkt vor meiner Charlottenburger Haustür.
ZUCKERSCHOCK, Bergmannstr. 59, Berlin-Kreuzberg
Donnerstag, 8. Dezember 2011
Törtchen auf Krankenschein
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| Käsesahne im Orangenmantel |
Jetzt im Winter sorgen Lichtmangel und Kälte dafür, dass uns das Glückshormon Serotonin fehlt. Ein Mangel davon kann zur Zuckerkrankheit führen. Ich will aber gesund bleiben. Also ziehe ich mich, so gegen 14 Uhr, der Jahreszeit entsprechend warm an und gehe zu Fuß oder fahre mit dem Fahrrad in Richtung eines Cafés meiner Wahl. Dadurch nehme ich erst mal eine Lichtdusche um hinterher bei einem schönen Stück Kuchen oder Torte meine fehlenden Serotonine aufzufüllen. Immer wieder werde ich von Lesern gefragt, ob man vom täglichen Konditern gehen nicht dick wird. Keine Angst, davon wird man nicht dick. Merken Sie sich dabei nur die drei Buchstaben: NES. Das heißt: "Nur Ein Stück!" Und zwar pro Tag - und nicht pro Stunde.
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| Duett von der Holunderblüte mit Cassismousse |
Heute möchte ich gern mal die Patisserie Werkstatt der Süße empfehlen. Hier bekommt man wohl mit die besten Törtchen Berlins. Sie sehen aus wie kleine Kunstwerke und man muss sie unentwegt anschauen, bevor man sich endlich einen Ruck gibt und sie mit der Gabel zerstört. Die Törtchen schmecken fantastisch und sind selbstverständlich ohne Konservierungsstoffe oder künstliche Aromen. Zum Beispiel bei dem Stück "Duett von der Holunderblüte mit Cassismousse" spiegelt sich der ganze Kosmos sommerlichen Fruchtgeschmacks wider. Dabei stört es nicht, in einem etwas kargen und ungemütlichen Raum sitzen zu müssen. Leider ist es etwas kundenunfreundlich, dass die Törtchen in der Vitrine keine Schildchen haben, denn man muss ständig fragen, was das für ein Törtchen ist und was es beinhaltet. Schließlich hat im Museum auch jedes Kunstwerk ein kleines Schildchen.
| Weiße Schokolade mit Passionsfruchtkern |
Eigentlich müsste man die Besuche in Cafés und Konditoreien von der Krankenkasse bezahlt bekommen - letztendlich beugt man damit der Diabetes vor.
Werkstatt der Süße · Husemannstraße 25 · 10435 Berlin-Prenzlauer Berg
Sonntag, 4. Dezember 2011
Gesundheit
Dienstagnachmittag in einer Arztpraxis in der Charlottenburger Schloßstraße. Ein 60-jähriger Mann bittet um eine Grippeschutzimpfung. Die Sprechstundenhilfe fragt ihn erstaunt: "Sie waren aber lange nicht mehr bei uns - was war denn los?" Der Mann: "Ich war gesund."
Diese Geschichte erschien am 4.12.2011 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".
Sonntag, 27. November 2011
Gefährlicher Möhrensaft
Es ist ein grauer Novembertag und vor meinem Fenster läuft ein Schwarzweißfilm ab. Ich beschließe, mir ein Glas frischen Möhrensaft zu machen. Das bringt Farbe nicht nur in den Alltag sondern auch in den Körper, gibt einen guten Teint und stärkt die Sehkraft für die Augen. Oder haben Sie schon mal ein Kaninchen mit Brille gesehen? (haha, alter Kalauer). Ich habe ein selbst erfundenes Spezial-Rezept und das geht so: Je nach Größe 4-6 Möhren, 1 säuerlicher Apfel, eine kleine Ingwerknolle und eine Gewürznelke.
Hinterher kommt noch etwas Zucker, 1 Spritzer Zitrone und ein Schuss Kürbiskernöl ins Glas. Kurz umrühren – fertig! Lecker! Als Deko ein paar Minzeblätter. Fröhlich vor mich hin pfeifend und voller Vorfreude auf den Power-Drink stecke ich nach und nach alles in den Entsafter, den ich mir schon zugelegt hatte, als noch die Berliner Mauer stand. Er ist zwar laut wie eine Boeing 707, tat aber immer brav seine Dienste. Ein Vorwendemodell sozusagen.
Als ich die Gewürznelke hineintue, wird das Motorgeräusch plötzlich etwas unruhig und der Entsafter beginnt zu zittern, als ob er vor etwas Angst hat. Ehe ich begreife, was los ist, gibt es einen unerwarteten Knall, laut wie ein Pistolenschuss und messerscharfe Plastikteile und zerraspelte Möhrenstücke fliegen wie Geschosse in der Küche herum. Ein scharfes Plastikteil durchschlägt sogar die Leinwand von einem Ölbild.
Hinterher kommt noch etwas Zucker, 1 Spritzer Zitrone und ein Schuss Kürbiskernöl ins Glas. Kurz umrühren – fertig! Lecker! Als Deko ein paar Minzeblätter. Fröhlich vor mich hin pfeifend und voller Vorfreude auf den Power-Drink stecke ich nach und nach alles in den Entsafter, den ich mir schon zugelegt hatte, als noch die Berliner Mauer stand. Er ist zwar laut wie eine Boeing 707, tat aber immer brav seine Dienste. Ein Vorwendemodell sozusagen.
Als ich die Gewürznelke hineintue, wird das Motorgeräusch plötzlich etwas unruhig und der Entsafter beginnt zu zittern, als ob er vor etwas Angst hat. Ehe ich begreife, was los ist, gibt es einen unerwarteten Knall, laut wie ein Pistolenschuss und messerscharfe Plastikteile und zerraspelte Möhrenstücke fliegen wie Geschosse in der Küche herum. Ein scharfes Plastikteil durchschlägt sogar die Leinwand von einem Ölbild.
Noch Wochen später fand ich Plastikteile im Schlafzimmer und im Arbeitszimmer. Der Entsafter ist regelrecht explodiert. Ich bleibe wie durch ein Wunder unverletzt. Ja, nicht das kleinste Stückchen touchiert mich. Da muss mein Schutzengel in dem Augenblick richtig auf Zack gewesen sein. Tja, was so eine kleine Gewürznelke alles anrichten kann...
Sonntag, 20. November 2011
Traum in Weiß
Plötzlich sehe ich ein Schild mit dem dazugehörigen Geschäft: „Café Sorgenfrei“. Ich fand eine Laterne, an der ich mein altes Miele-Fahrrad von 1953 anschloss und betrat das Café, legte ab und nahm auf einem pastellfarbenen Nierensessel der 50er Jahre Platz. Ich bestellte ein Stück Käsesahnetorte. Dazu einen Cappuccino und ein Glas Leitungswasser.
Ich erfuhr dass das „Café Sorgenfrei“ eine Kombination aus Café und Trödelladen der 50er- und 60er-Jahre ist. Man kann die ganze Einrichtung kaufen. Hier kann es passieren, dass mir der Sessel unter meinem gräflichen Gesäß weggekauft wird. Ich sehe in der Ecke unseren alten pastellfarbenen Küchenschrank mit integriertem Brotfach wieder und die passende Uhr ist auch da. Ich entdecke einen alten Rewe-Kalender von 1961 und diverse Tütenlampen.
In dem Laden, in dem einmal eine Fleischerei untergebracht war, kann man noch die wunderschönen Villeroy & Boch-Fliesen von 1910 an Wänden und Fußboden bewundern. Dazu hört man die Musik der Fifties und Sixties: Buddy Holly, Duke Ellington, Caterina Valente, Pat Boone, Connie Francis, Dean Martin. Es entweicht mir ein nostalgischer Erinnerungsseufzer nach dem anderen.
Ich blättere in der alten Revue von 1958, in der ausführlich über „Soraya – die Tragik einer Kaiserin“ berichtet wurde. Denn die damalige Gattin des Persischen Kaisers wurde nicht schwanger und der Schah wartete unruhig auf den ersehnten Thronfolger. Wir Kinder sangen damals immer nach der Melodie des „River Kwai Marsches“ auf der Straße spöttisch: "Schade - Soraya kriegt kein Kind. Schade - der Schah hat Luft im Spind."
Obwohl zwischen den Supermächten USA und UdSSR kalter Krieg herrschte, war die Zeit nicht so gefährlich wie heute mit all den terroristischen Anschlägen aus den unterschiedlichsten Lagern und der Weltwirtschaftskrise mit all ihren hochkriminellen Spekulanten an den Banken und Börsen der Welt. Nein, es war regelrecht gemütlich! Ja, sogar etwas naiv. Als Kind fuhr man chromblitzende Tretroller, war im Micky-Maus-Club und aß Nappos und Waffelbruch. Eine Kugel Eis kostete 10 Pfennige. Die Trümmergrundstücke des 2. Weltkriegs waren herrliche Abenteuerspielplätze und über die autoleeren Straßen knatterte höchstens mal eine Zündapp. Fernsehen? Hatte kaum jemand. Und wenn man mal telefonieren musste, ging man zum Nachbarn. Mittags gab es „Arabisches Reiterfleisch" á la Clemens Wilmenrod und in den Wartezimmern der Ärzte standen noch wie selbstverständlich Aschenbecher, von denen reichlich Gebrauch gemacht wurde und es gab niemand, der sich darüber beschwerte. Auch brauchten noch nicht vor den Geschäften Wachleute postiert werden, weil einfach nichts passierte.
Während ich noch so vor mich hin träumte, stand sie plötzlich vor mir! Ein Traum in Weiß - die Käsesahnetorte. Sie war gut gekühlt und hatte eine gerade Schnittkante. Daran erkennt man übrigens gute Torten. Die hausgemachte Torte hatte einen großartigen Käsesahnegeschmack und war ein lukullischer Hochgenuss. Und nicht so, wie meine letzte Käsesahnetorte vor ein paar Wochen in einer renommierten Berliner Konditorei, dessen Name zu nennen, meine gute Erziehung verbietet. Jenes Machwerk verdiente nicht die Bezeichnung „Torte“, schmeckte wie Schrauben und Nägel und sprengte mir fasst die Fußnägel weg. Aber nicht diese Sorgenfreitorte. Sie war perfekt wie ein fabrikneuer Bentley.
Ich hatte Glück. Niemand hatte mir in der Zwischenzeit den pastellfarbenen Nierensessel unter meinem gräflichen Gesäß weg gekauft. Als ich bezahlte, nahm ich noch eine Schachtel „Welthölzer“ für 1,50 mit und verließ gut gelaunt das Café Sorgenfrei. Als ich wieder auf der herbstnebeligen Goltzstraße stand, wusste ich endlich, welche Tortenkritik ich auf meinem Blog schreiben soll. Nämlich diese hier. Eine Sorge weniger.
Sorgenfrei, Goltzstraße 18, 10781 Berlin-Schöneberg
Ehrliche Currywurst
Mittwochnachmittag vor der „Currystation 36“ in der Otto-Suhr-Allee. Ein Mann zahlt seine Currywurst und will gehen, als er vom Imbissverkäufer zurück gerufen wird. „Hier…“, er gibt dem Mann Geld zurück „…Sie haben einen Euro zu viel gezahlt!“ Der Mann guckt erstaunt: „Sie sind aber ehrlich!“ Da antwortet der Imbissverkäufer: „‘Ehrlich‘ ist mein Mädchenname.“
Diese Geschichte erschien am 20.11.2011 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".
Diese Geschichte erschien am 20.11.2011 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".
Montag, 7. November 2011
Mittwoch, 26. Oktober 2011
Dienstag, 18. Oktober 2011
Zunge in Autan
Von der avantgardistischen Gruppe Kraftwerk war ich damals in den 70er Jahren ein großer Fan. Ich hatte mir immer sehnlichst gewünscht, einmal in einem ihrer Musikvideos mitspielen zu dürfen.
Die Berliner Gruppe Brandt Brauer Frick ist für mich heute das, was Kraftwerk einmal in den 70ern war. Nicht nur, weil sich ihr Artwork mit meinen Idolen etwas ähnelt. Sie sind nämlich auch avantgardistische Musiker und mixen außerirdische Cocktails aus Klassik, Techno und Elektronischer Musik zu einem angejazzten neuem Klangerlebnis.
In dem neuen Video "Pretender" von Brandt Brauer Frick geht es um das Zerrbild einer genusssüchtigen Gesellschaft, die sich letztlich selbst begräbt. Und ich mitten drin! So ist mein Wunsch doch noch in Erfüllung gegangen, wenigstens in einem Musikvideo von Kraftwerk des 21.Jahrhunderts mitzuspielen.
Für meine Rolle in dem Video werden mich viele Männer meines Alters beneiden und so mancher hätte dafür sicherlich viel Geld bezahlt. Doch ich kann Sie beruhigen. Da die alte Villa sich inmitten eines Sumpfgebietes befand, kamen auf einen Quadratmeter etwa einige Tredezilliarden Stechmücken und deshalb waren alle wohlgeformten Frauenbeine dick mit Autan eingeschmiert. Man kann sich vorstellen, wie sich eine Zunge anfühlt, die literweise Autan aufleckt - das schmeckt wie Hupe!
So, und nun viel Spaß bei der Suche nach dem Graf...
Sonntag, 16. Oktober 2011
KLAPPT DOCH!
Donnerstagabend im Intercity von Berlin nach Münster. Als der Zug in Wolfsburg hält, erschallt Beifall aus einigen Abteilen.
Diese Geschichte erschien am 16.10.2011 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik "Berliner Liste".
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