Donnerstag, 7. Juli 2011

Alles Banane oder was?

Bananentorte Patisserie Pakolat 2Nein, nicht alles war Banane an dieser Torte, die ich heute in Prenzlauer Berg gegessen, nein, nicht gegessen sondern genossen habe. 
Sie hatte nämlich auch einen herrlich trockenen Biskuitboden, der einen schönen Kontrapunkt zu der köstlich leichten Buttercreme bildete, die liebevoll fruchtige Bananenstücke um- armte. Das ganze wurde von einem samtigen Schokoladenguss zusammengehalten.  Meine Geschmacksknospen auf der Zunge tanzten einen Rumba und ich aß die Torte extra sehr langsam, damit ich besonders lange etwas von ihr hatte. Ich saß vor der Konditorei und Kaffeerösterei Pakolat (www.kaffee-pakolat.de) an einem warmen, nachPakolat 4 Lindenblüten duftenden Sommertag an einem gusseisernen Kaffeehaustisch, aus einer Wohnung schallte das Lied “Michelle” von den Beatles zu mir herunter und ich hätte am liebsten die Zeit angehalten. Nach dem Verzehr sah mein Teller so sauber aus, als hätte die große Zunge einer Kuh drübergeleckt. Dazu trank ich einen sensationell kräftig schmeckenden Milchcafé. Bei starkem Kaffee werde ich immer schwach. Ich erfuhr von der Besitzerin, Frau Bohn, dass sie für die Torten zuständig ist und ihr Mann den Kaffee persönlich röstet. Ich Pakolatkonnte mir nicht verkneifen, ihr vorzuschlagen, eine neue Kaffeesorte zu kreieren, die “Bohn-Kaffee” heißt. Nomen est omen. In dem wunderbar nostalgisch eingerichteten Ladenlokal wähnt man sich in einem Kaufmannsladen der Jahrhundertwende und im Caféraum kann man durch ein riesiges Fenster direkt in die Backstube schauen. Frau Bohn erzählte, dass es den Laden erst seit anderthalb Jahren gebe und zu DDR-Zeiten sich dort wohl vermutlich eine Zweigstelle der Stasi befand, weil sie bei den Renovierungsarbeiten soviel Elektrokabel von den Wänden reißen mussten, dass man damit eine Kleinstadt mit Strom hätte versorgen können. Bevor die Stasi die Räume belegte, war dort die alteingesessene Bäckerei Haubold. Denn man fand tatsächlich bei den Renovierungsarbeiten in einer Ritze eine alte Haubold-Praline, die tatsächlich noch nach etwas Schokolade roch. In der Hektik kurz vor der Eröffnung verschwand jedoch unter mysteriösen Umständen die Praline. Pakolat 2Hat eine helfende Hand wegen totaler Unterzuckerung sie einfach kurzerhand verkasematuckelt? Oder hat sie sich die Stasi geholt, weil sich in der Praline geheime Dokumente befanden? Passend zur Bananentorte und dem Kalten Krieg fiel mir folgender Witz dazu ein, den man sich damals in West-Berlin erzählte: Kann man eigentlich aus einer Banane einen Kompaß machen? Na klar, abends die Banane auf die Berliner Mauer legen und da, wo am nächsten Tag abgebissen war, war Osten. Aber das ist schon lange her. Bei meinem nächsten Besuch probiere ich die Wirtschaftswundertorte (Erdbeertorte mit Buttercreme). Oder den Mohn-Mandel-Kuchen, oder die…, oder..., oder...?

Feinrösterei – Vorkosthandlung – Patisserie Pakolat, Raumer Straße 40, 10437 Berlin-Prenzlauer Berg, Öffnungszeiten: Mo., Mi.-Fr. 10:00 - 20:00 Uhr + Di., Sa.-So. 10:00 - 18:00 Uhr

Donnerstag, 30. Juni 2011

Oh lala!

gondelGötz Alsmann sammelt seit ewigen Zeiten frivole Herrenmagazine aus der Nachkriegszeit, die so wunderbare Namen wie „Gondel“, „Toxi“, „Paprika“ oder „Wiener Melange“ tragen und die aus der heutigen Sicht eher unfreiwillig komisch waren. Die Vorläufer des „Playboy“ eben. Galant, witzig und ironisch führt Alsmann mit Anekdoten und Reportagen aus diesen Magazinen durch den Abend. Da gibt es zum Beispiel die wunderbare Geschichte um die „Hohe Schule der Gattenliebe“ oder eine Anzeige von der „PinguiGötz Alsmann und Lo Graf von Blickensdorfn Bar – Deutschlands einzige Negerbar“ in der man „für 5 Mark splitternackte junge Damen“ betrachten konnte. Auch hörte ich das fast vergessene Wort „Bonboniere“ wieder. Die Zuschauer im Berliner Tipi bogen sich vor Lachen, so dass man fürchten musste, dass einige in der Mitte durchbrachen. Was aber Gottseidank nicht passierte. Zwischendurch gab es heiße Bossa-Nova-GötzRhythmen, die Götz virtuos mit seiner japanischen elektronischen Orgel von 1959 und zusammen mit der exzellenten und altbewährten Götz-Alsmann-Band zu Gehör brachte. Bei Titeln wie „Das sind die Beine von Doloros“ und „Ich küsse Ihre Hand Madame“ zuckten die, Gottseidank nicht durchgebrochenen, Zuschauer im Rhythmus wie elektrisiert mit. Ein sehr empfehlenswerter Abend – nicht nur für Herren! Anschließend gab es noch eine AfterLo Graf von Blickensdorf, Götz Alsmann und Bandshowparty (siehe Fotos) für alte Freunde des Meisters. Es wurden leckere Sachen kredenzt wie zum Beispiel „Vitello Tonata“, Rinderfilets, himmlische kleine Törtchen (!) und nicht zu vergessen: süffige geistige und nichtgeistige Getränke. Und lange schallte es aus dem Tipi noch: „Götz Alsmann – er lebe hoch!“

Dienstag, 14. Juni 2011

Kleine Erlebnisse großer Männer: Kant

Eines Tages geschah es Kant,
daß er keine Worte fand.
Stundenlang hielt er den Mund
und er schwieg nicht ohne Grund.
Ihm fiel absolut nichts ein,
drum ließ er das Sprechen sein.
Erst als man ihn zum Essen rief,
wurd' er wieder kreativ,
und sprach die schönen Worte:
"Gibt es hinterher auch Torte?"

Aus: "Gesammelte Gedichte 1954-2006"
von Robert Gernhardt, erschienen im
Fischer-Verlag, 700 Seiten

Montag, 13. Juni 2011

Nicht nur zu Halloween

Eine Novelle über den Tod? Ja. Aber was für eine! Das hat man vorher noch nie gelesen.
Erst verweigert sich der Tod , die kleine Audrey mitzunehmen und dann versucht er auch noch verzweifelt, ein Mensch zu werden. Die ganze Geschichte faszinierte mich derartig, dass ich die Novelle in einem Rutsch durchlesen musste. Der Autor und Regisseur Oliver Kyr hat die seltene Gabe, mit einer sehr kunstvollen Sprache zu fesseln. Gute Unterhaltung ist dabei garantiert und das Buch macht jetzt schon neugierig auf den nächsten Band. Oder gibt es davon etwa demnächst einen Film?
Summa summarum: Ein fantastisches Lesevergnügen – mit einem ungewöhnlichem Vorwort von Lo Graf von Blickensdorf – und dies nicht nur zu Halloween! Sehr Empfehlenswert!
(von Walter Wiesel)

Autor: Oliver Kyr, Herausgeber: Hans S. Link, Verlag: NOEL-Verlag, Vorwort: Lo Graf von Blickensdorf, Cover-Design: Gabriele Benz, Illustration: Maria Kaiser

Mittwoch, 8. Juni 2011

Künstlerposen

Er studierte in Berlin-Charlottenburg und ging dann nach Frankreich, "Das Auge von Paris", wie Henry Miller ihn nannte. Der 1899 in Ungarn geborene Brassaï fotografierte die bedeutensten Künstler seiner Zeit, etwa Picasso in seinem Atelier (Foto oben) oder Alberto Giacometti.
Aber auch die Graffitis (Foto unten) seiner Zeit interessierten ihn. Beides ist dort zu sehen, wo der Meister studiert hat: Museum Berggruen und Sammlung Scharf-Gerstenberg, vom 27. Mai bis 28. August in Berlin-Charlottenburg.

(Foto oben: Picasso und Der Redner von 1937  
Atelier  Rue des Grands Augustins, Paris, 1939© Estate Brassaï, Foto unten: Graffito aus der Serie „Masken und Gesichter“ o. D. (1935–1956) © RMN / Adam Rzepka)

Sonntag, 29. Mai 2011

Schwarzwälder Kirschtorte à la Selbstmordattentäter

Lieblos serviert im Raymons
Eigentlich sitzt man sehr schön, im "Raymons", an der Spandauer Frieda-Arnheim-Promenade. Auf der einen Seite fällt der Blick auf die historische Zitadelle und auf der anderen auf die alte Eisenbrücke, die auf die Insel Eiswerder führt, die man aus zahlreichen Edgar-Wallace-Filmen kennt. Ein um das andere Mal irrte Klaus Kinski als Psychomörder im Kunstnebel auf ihr herum. Denn in der Nähe befinden sich die legendären CCC-Filmstudios von Atze Brauner.
Es fehlt einem nur noch ein Stück Kuchen zum Glück. Ich bestellte also eine Schwarzwälder Kirschtorte und einen Cappuccino und ein Glas Leitungswasser. Doch was mir an diesem Sonntagnachmittag ein paar Minuten später vorgesetzt wurde, schrie zum Himmel. Eine Kellnerin stellte mir stolz und selbstbewusst mit einer Unschuldsmiene etwas vor mich hin, als wäre es ein Stück von der Torte, die den 1. Preis beim Internationalen Schwarzwälder-Kirschtorten-Wettbewerb gewonnen hätte. Doch was ich auf dem Teller erblickte, ließ mich erstarren. Das was die Bedienung als "Schwarzwälder Kirschtorte" bezeichnete, lag so auf dem Teller, als hätte sie mir ein Selbstmordattentäter serviert, just in dem Augenblick, wie er sich gerade in die Luft jagte. Das Stück lag lieblos auf der Seite und die Schokoflocken waren über den ganzen Teller verteilt. Außerdem war es alt, als wäre es aus der nahe gelegenen Zitadelle von einem Archäologen ausgegraben worden. Allerdings hätte es dann nicht so nach Chemie schmecken dürfen, denn damals gab es noch keine Chemie. Und das alles zu dem stolzen Preis von 3,50 EUR, der Cappuccino kostete 2,90 EUR.
In diesem Zusammenhang fällt mir der alte Witz wieder ein. Frage: Sind Spandauer schlechte Menschen? Antwort: Nein - aber grüßen muss man sie nicht.

Raymons (ehemals "Mississippi"),  Frieda-Arnheim-Promenade 7, 13585 Berlin-Spandau

Gute Ehe

Freitagnachmittag im Charlottenburger Park. Ein älteres Ehepaar steht am Schlossteich und beobachtet schweigend die quakenden Frösche. Nach einer Weile sagt der Mann zu seiner Frau: "Nun musste dir nur noch einen rausholen und küssen - dann haste endlich deinen langersehnten Traumprinzen."

Diese Geschichte erschien am 29.5.2011 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik Berliner Liste.

Sonntag, 22. Mai 2011

Tag der Arbeit

Ein sonniger Nachmittag auf einer Liegewiese im Charlottenburger Schlosspark. Ein junges Paar legt sich in Badekleidung auf eine Decke. Nach zehn Minuten sagt die Frau zu ihrem Begleiter: "Boah, in der Sonne liegen ist ja ganz schön anstrengend."

Diese Geschichte erschien am 21.5.2011 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik Berliner Liste.

Sonntag, 15. Mai 2011

Tortengedicht

Die Bedienung brachte umgekippte Torte,
in der Luft lag Tonband-Bach.
Da lag sie nun – mir fehlten die Worte.
„Was ist?“ – Ich sagte „Ach!“

Alien im Tiergarten

Freitagnachmittag bei einem Picknick im Tiergarten. Plötzlich großes Geschrei. Alt und Jung versammeln sich um eine Stelle. Man diskutiert aufgeregt und zeigt auf ein "komisches Tier". Alle rätseln, was es wohl sein mag. Als man näher kommt, entpuppt sich das "komische Tier" als - Maikäfer.

Diese Geschichte erschien am 15.5.2011 auch im Berliner TAGESSPIEGEL in der Sonntagsbeilage unter der Rubrik Berliner Liste.

Montag, 25. April 2011

Urlaubsreif

Sonntagmorgen in einer Bäckerei in Charlottenburg. Eine Frau verlangt fünf Schrippen, ...aber bitte schöne braune!" Die Verkäuferin hält eine Schrippe hoch: "Brauner sind die alle nicht." Da sagt eine andere Frau: "Die waren ja auch noch nicht im Urlaub."

Diese Geschichte erschien am 24.4.2011 auch im Berliner TAGESSPIEGEL unter der Rubrik Berliner Liste.

Freitag, 15. April 2011

Eine Nacht in Casablanca

Natürlich war ich nicht nur eine Nacht in Casablanca. Das wäre ja auch schade gewesen. Aber in meinem Hotel war es so herrlich altmodisch, dass man glaubte, jeden Augenblick kommt Graf Pfeffermann mit Groucho Marx um die Ecke, wie in dem Marx-Brother-Film Eine Nacht in Casablanca. In einem Frühstücksraum mit orientalischen Glasdach (Foto oben links) und in Gesellschaft von turbanbedeckten Berbern und weiß verhüllten Tuaregs gab es ein karges Frühstück. Um nämlich später in der Patisserie Amoud richtig zuschlagen zu können. Obwohl erst Anfang März war, trug ich schon meinen leichten Sommeranzug.
Das Majestic-Hótel, das schon mal bessere Zeiten erlebt hatte warb noch mit Marmortafeln, auf denen stand: "Eau Courante, Chaude & Froide, Bains, Électricité, Ascenseur, Comfort Moderne". Es lag in der Innenstadt in einem verwinkelten Viertel, vor dem die Touristen gewarnt werden. Einmal fuhr ein Touristenbus vorbei, aus dem ängstliche Menschen sich ihre Nasen an der Scheibe platt drückten. Casablanca ist eine wunderschöne Stadt, die zu drei Vierteln aus heruntergekommenen, aber malerischen Art-Déco-Häusern besteht und morbiden Charme hat. Und das schönste: Nicht ein Tourist! Mich einmal ausgenommen. Das Straßenbild ist sehr morgenländisch und die Betriebsamkeit der Marokkaner ähnelt einem Ameisenhaufen. Die Menschen, ob arm, ob reich, sind alle freundlich und warmherzig.  Selbst von der Kakerlake morgens im Bad glaubte ich ein "Pardon Monsieur!" zu hören. 
Am besten ist, wenn man sich in eines der zahlreichen Straßencafés setzt und sich das Treiben, bei einem göttlich schmeckenden Kännchen Nâa-naa-Tee, auch Whisky Maroc* genannt, anschaut. Das ist tausend Mal besser als Kino und ich kam mir vor wie im Comic Tim & Struppi im Orient.
Dienstleistung wird hier noch groß geschrieben. Wenn ein Mensch aus Casablanca in Berlin an einem normalen Werktag über die Straße ginge, dächte er sicher, es sei gerade ein hoher Feiertag, an dem die Leute nicht arbeiten dürften. 
In der Patisserie Amoud ließ ich mir ein kleines Sortiment von Petit Fours zusammenstellen und setzte mich mit der Schachtel in ein Straßencafé, um sie dort bei einem Nâa-naa-Tee genussvoll zu verspeisen. Der Verzehr der Törtchen glich einem Himmelsritt wie im Märchen "1001 Nacht" - ich wusste einen Augenblick nicht mehr, wo ich war. In der Regel verzehre ich immer nur ein Törtchen am Tag. Aber wie sagte Groucho Marx so schön? "Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere." Womit alles gesagt wäre.


*Whisky Maroc: Das marokkanische Nationalgetränk wird von den Berbern liebevoll als Whisky Maroc bezeichnet, weil die Farbe des Tees an Whisky erinnert. Er besteht aus chinesischem Grünen Tee, frischer Nâa-naa-Minze und viel Zucker.

Donnerstag, 14. April 2011

Jedes Törtchen endet einmal im Magen...












...sollen wir es deswegen nicht weniger bewundern? Hier das Törtchen "Opéra" zum Beispiel. Eine Symphonie aus Schokoladen- und Moccabuttercreme auf einem leckeren Mandelboden. Bewundert, gegessen und von einer außergewöhnlich charmanten Bedienung serviert in Albrechts Patisserie in der Fasanenstraße 29 in Berlin.

Montag, 11. April 2011

Ein Törtchen ist das Lächeln des Nachmittags

"Dass Sie jeden Tag Torte essen, kann ich nicht verstehen!" rief mir eine Dame auf dem Klausener Platz zu, als ich gerade zum Kon- ditern ging. Ich er- widerte ihr: "Ernst ist das Leben, heiter die Kunst, meine Liebe."
Wahre Kunst in Form und Geschmack ent- deckte ich in Albrechts Patisserie in der Fasanenstraße, die nach König Friedrich II. benannt ist, der hier in der Nähe eine Fasanerie betrieb. Die Patisserie liegt nur einen Mokkapralinenwurf vom Kurfürstendamm entfernt. Beim ersten Besuch nahm ich ein Champagner Mousse Törtchen (Foto oben) zu mir. Ein Traum! Ich vergaß beim Verzehr kurzzeitig wie ich heiße. Horst? Heinz? Egal. Der Geschmack zählte.
In dieser Patisserie muss man ein Mann des schnellen Entschlusses sein, denn in der Vitrine entdeckt man viele Törtchenkleinode, die ich alle gerne wie im Museum noch intensiver betrachtet hätte. Doch dann würde ich wohl noch um Mitternacht dort stehen. 
Bei meinem zweiten Besuch wählte ich das Zitronenmoussetörtchen (Foto rechts) im Bis- kuitmantel, gefüllt mit Erdbeermark. Sensatio- nell! Es schmeckte frisch und war luftig-leicht, hatte aber durch den Biskuitteig dennoch Biss. Einziger kleiner Kri- tikpunkt ist die für meinen Geschmack et- was mädchenhafte rot-weiße Einrichtung des Ladens à la Brigitte-Einrichtungstipp. Aber wenn man im siebten Tortenhimmel schwebt, könnte man auch im Kartoffelkeller sitzen.
Ach ja, der Dame vom Klausener Platz rief ich noch hinterher: "Ein Törtchen ist das Lächeln des Nachmittags."

Albrechts Patisserie, Fasanenstraße 29, Berlin-Charlottenburg, Öffnungszeiten Montags-Samstag 10 - 18 Uhr, Sonntags 12 - 17 Uhr 

Montag, 4. April 2011

Im Moment sehr begehrt


Wer derzeit einen Geigerzähler kaufen möchte, hat es jedoch gar nicht so leicht. Das Problem ist die immens große Nachfrage. So viele Personen sind verunsichert und haben deshalb den Handel leer gekauft. Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern im Prinzip auch für alle anderen Länder. Aufgrund der momentan hohen Nachfrage muss jedoch mit stolzen Preisen gerechnet werden. Personen, die so schnell wie möglich einen Geigerzähler haben möchten, sollten bei der Auswahl sehr vorsichtig sein. Beim Großteil der Geigerzähler, die für den Privatkundenhandel von Interesse sind, handelt es sich um vergleichsweise einfache Modelle. Viele dieser Geigerzähler können gerade mal bis zehn zählen. Wer einen Geigerzähler haben möchte und sich wirklich absichern will, sollte deshalb einen Geigerzähler wählen, der auch die logische Verknüpfung von Zahlen beherrscht. Allerdings ist anzumerken, dass diese Fachleute ihren Preis haben und daher nicht für jedermann erschwinglich sind. Die Kosten liegen vergleichsweise hoch, weshalb man sich genau überlegen sollte, ob sich der Kauf am Ende bezahlt macht.

Sonntag, 3. April 2011

Ihr Revier

Donnerstagnachmittag. Ein paar jugendliche Touristen schlendern über die Schloßstraße in Richtung Schloss. Jemand aus der Gruppe fragt, ob hier noch Berlin-Mitte sei. Eine alte Frau, die etwas abseits ihren Dackel Gassi führt, ruft trotzig: "Dit is hier immer noch Charlottenburg - und dit is auch jut so!"

Diese Geschichte erschien am 3.4.2011 auch im Berliner TAGESSPIEGEL unter der Rubrik Berliner Liste.

Donnerstag, 17. März 2011

Leipziger Buchmesse


Vom 17. bis 20. März 2011 ist wieder die Leipziger Buchmesse. Beachten Sie bitte auch das Buch von Lo Graf von Blickensdorf "Werden Sie doch einfach Graf!", erschienen im Rotbuch Verlag.

Mittwoch, 9. März 2011

Serviererinnen mit Selbstmordabsichten

Die Serviererin knallte mir die Schwarzwälderkirschtorte auf den Tisch, als wäre es eine ordinäre Schmalzstulle in einer verrauchten Berliner 24-Stunden-Kneipe. Und den Milchcafé stellte sie so hin, dass der Henkel von mir wegzeigte. Als wäre ich eine achtarmige Krake, die keine Mühe hat, mit einem ihrer Tentakel um die Ecke zu greifen. Und das ganze obendrein noch mit einem Gesichtsausdruck, als hätte sie vor, sich in den nächsten zehn Minuten zu entleiben.
So geschehen in einem renommierten Berliner Kaffeehaus. Für immerhin 3,80 EUR pro Stück erwartet man eine gute ausgebildete Bedienung und keine übernächtigte studentische Aushilfskraft, die wahrscheinlich mehrere dieser Jobs machen muss, um ihr BWL-Studium zu finanzieren. So dicke habe ich es auch nicht. Schließlich bin ich kein Bundestagsabgeordneter, der immer zu 1000 Spesen aufgelegt ist.
Manchmal sehne ich mir die servilen Serviererinnen mit den weißen, frisch gestärkten Häubchen und Schürzchen aus dem legendären und nicht mehr existenten Café Schucan in Münster zurück, das Münsteraner Bauhaie auf dem Gewissen haben.
Ist eigentlich Serviererin heute kein Lehrberuf mehr? Das wäre doch eine gute Alternative für viele Jugendliche, die händeringend eine Lehrstelle suchen.
In der Patisserie Harry Genenz (http://www.harry-genenz.de/genuss.html) ist es gottlob nicht so. Hier faszinieren mich jedes Mal die mannigfaltigen, wunderschön verzierten Törtchen (s.Fotos) in ihren vielen Formen und Farben. Hier wird hohe deutsche Konditoreikunst mit der französischen Patisserie verschmolzen und zu kleinen kunstvollen Skulpturen arrangiert. Sie tragen poetische Namen wie Charlotte von Waldfrucht oder  Mousse Chocolat-Törtchen Madagaska. Die Bedienung ist perfekt, doch leider gehört es auch hier nicht zum Standard, dass man ein Glas Leitungswasser zum Kaffee serviert bekommt. Und auch die Hintergrundmusik lässt manchmal etwas zu Wünschen übrig.
Doch was sagte neulich eine meiner Freun-dinnen, der ich mein Leid klagte, zu mir? „Voll-kommen ist niemand – nur der Graf von Blickensdorf, wenn er Torte isst.“ Das lass’ ich hier mal unkommen- tiert so stehen.



Patisserie Café Harry Genenz, Reichsstraße 102a, 14052 Berlin-Westend

Freitag, 4. März 2011

Törtchen wie Gedichte


Nun beginnt wieder die Zeit, wo man melancholisch draußen in der Sonne sitzt und sich ein Törtchen zu sich nimmt. Dabei schreibt man sich Sätze in sein Notizbuch wie zum Beispiel: Ein Törtchen kann ein Gedicht sein - aber ein Gedicht niemals ein Törtchen.

(Törtchen aus dem Museumscafé Surreale Welten der Sammlung Scharf-Gerstenberg, Eingang Berlin-Charlottenburg, Schloßstr. 70)

Mittwoch, 23. Februar 2011

Frau Dr. Mabuse

Ich warte schon seit Wochen, dass es in meinem Stammcafé wieder den grandiosen anbetungswürdigen  Mohnkuchen gibt. Aber die nette Besitzerin bedauert, dass sie mir heute wieder keinen servieren kann. Kein Wunder, denke ich, nach all den Katastrophen ist es nur eine Frage der Zeit, bis uns eine Mohnkrise heimsucht. Ich esse stattdessen ein Stück Chocolat Royal und höre dabei "Love Is a Losing Game" von Amy Winehouse.
Ich schaue mich um. Das übliche Publikum. Unausgefüllte fünfzigjährige Frauen mit viel Zeit und schlecht gekleidete unrasierte Freiberufler, die das kostenlose und reichhaltige Zeitungsangebot weidlich ausnutzen. Am Tisch neben der Tür sitzt wieder wie stets eine Frau mittleren Alters mit hexenhaft abstehenden, grauen Haaren, die immer wie besessen und manisch in akkurater Schrift wieselflink irgendetwas in einen Schreibblock kritzelt, um alle fünf Minuten den Zuckerstreuer gerade zu rücken. Nach einer Stunde ist der Schreibblock voll. Ich nenne sie in Gedanken "Frau Dr. Mabuse". Sie erinnert mich an den Film Das Testament des Dr. Mabuse von 1962.
Man vermutet, dass sie aus der nahe gelegenen Psychiatrie der Schlossparkklinik kommt und Freigängerin ist. Ich habe etwas Angst vor ihr, denn wenn man Blickkontakt mit ihr bekommt, werden ihre Augen klein wie Stecknadelköpfe und ihr Blick ist dann so stechend, dass man einen echten Schmerz zu verspüren glaubt.
Schnell schleiche ich an ihr vorbei ins Freie, sorgsam darauf bedacht, ihr nicht in die Augen zu blicken.

Theaterhitze

Es ist ein bitterkalter Mittwoch- nachmittag in Berlin. Man sitzt gemütlich in der Patisserie Harry Genenz in der Reichsstraße und isst genüsslich eines dieser kleinen Kunstwerke. Plötzlich kommt eine junge Frau  herein und setzt sich theatralisch an den Nachbartisch. Während sie sich hektisch ihren Pullover über den Kopf zieht, fragt sie: „Finden nicht Sie nicht auch, dass es hier sehr heiß ist?“ Als man genauer hinschaut, erkennt man die Schauspielerin Anouschka Renzi.

Patisserie Café Harry Genenz, Reichsstraße 102a, 14052 Berlin-Westend, Tel.: 030 - 33 77 19 77

Montag, 24. Januar 2011

TREUE

Bei Kaiser’s am Klausenerplatz in Charlottenburg. Ein alter Mann steht an der Kasse und die Verkäuferin fragt ihn: „Sammeln Sie Treueherzen?“ Darauf der Mann: „So viele könn'se mir gar nicht geben - ick bin nämlich seit über 50 Jahren verheiratet.“

Sonntag, 2. Januar 2011

KASSENKRACHER

Mittwochnachmittag in einem Geschäft auf dem Kaiserdamm, das Silvesterfeuerwerk anbietet. Zwei Jugendliche fragen den Verkäufer: "Haben Sie 1-Euro-Kanonenschläge?" - Darauf der Verkäufer: "Ja, aber nur gegen eine Bescheinigung vom JobCenter."

Freitag, 31. Dezember 2010

Mit Schirm, Charme und Melone

Immer häufiger drücke ich die OFF-Taste meiner Fernbedienung, weil die Langeweile wie eine klebrige Masse aus meinem Fernsehgerät gekrochen kommt. Dann sehne ich mich wieder in die 60er Jahre zurück, als das Fernsehen zwar nur zwei Programme hatte, aber dafür die Serien besser waren. Eine davon war „Mit Schirm, Charme und Melone“ im ZDF.
Nicht wie heute, wo talentfreie Fernsehkommissare unrasiert an den Tatort zur Leiche geschlurft kommen und zum 498igsten Mal fragen: „Wer hat die Leiche gefunden?“ oder zum 987igsten Mal: „Wo waren Sie gestern zwischen 20 und 22 Uhr?“. Gähn! Und frustrierte, weil schlecht bezahlte, Komparsen stelzen hölzern steif durchs Bild. Grauenvoll! Und im Hintergrund fährt immer (aus Geldmangel) das ein und dasselbe Auto hin und her, um viel Verkehr vorzutäuschen. Mensch Regisseure! Glaubt ihr, ich merke so was nicht? 
Gottlob gibt es ja jetzt die komplette Kultserie auf DVD! Da kann mir das aktuelle Fernsehprogramm gestohlen bleiben. Die Serie lief von 1961 bis 1969 in 6 Staffeln, wovon leider nur die Staffeln 4 bis 6 mit der umwerfenden Diana Rigg besetzt waren. Als sexy Agentin Emma Peel und Patrick McNee als smarter Spion John Steed lösen sie in der Kultserie mit spritzigen Dialogen in den skurrilsten britischen Locations der 60er Jahre ihre Fälle. Selbst die noch so kleinste Nebenrolle ist hochkarätig besetzt. Von der stets avantgardistisch gekleideten Emma Peel haben damals alle Männer von 8 bis 80 geträumt. Ich auch. Und von John Steed mit seiner eleganten Lässigkeit und gesegnet mit göttlichem Gentleman-Humor wahrscheinlich alle Frauen.
Sie fuhr mit einem 66er Lotus Elan, er mit einem 26er Rolls-Royce Silver Cloud, manchmal auch einem 29er 4,5 Liter Bentley durch die wunderbare englische Landschaft.
Meist geht es in den Schwarz-Weiß-Folgen um größenwahnsinnige Wissenschaftler, exzentrische Verschwörer, wirre Fanatiker und generell um das Streben nach Weltherrschaft. Ich stelle mal die Behauptung auf, dass so eine Serie heute nicht mehr auf die Beine zu stellen ist. Nicht nur, dass es so exzellente Serien-Handwerker, Autoren und Schauspieler nicht mehr gibt. Sondern sie wäre heute einfach schlichtweg nicht mehr bezahlbar. Und obendrein trauen sich die fantasielosen Entscheidungsträger beim deutschen Fernsehen nichts Neues mehr. Sie haben schon viel zu früh die Hosen voll und setzen nur auf Bewährtes. Und die Produzenten, Drehbuchautoren und Regisseure schielen immer nur mit einem Auge nach Hollywood und verlieren somit ihre Authentizität. 
Der Erwerb dieser Gesamtedition lohnt sich! Außerdem führen Oliver Kalkofe und Wolfgang Bahro mit Insiderwissen in die Folgen ein und geben ihre persönlichen Bewertungen ab. Allen Fernsehschaffenden müsste man verordnen, sich diese Serie in Klausur anzusehen – dann würde ich vielleicht nicht mehr so früh die OFF-Taste der Fernbedienung drücken.

(Erschienen bei www.kinowelt.de)

Sonntag, 26. Dezember 2010

GANS ODER GAR NICHT

Dienstagnachmittag in einem Café am Klausener Platz. Ein Gast erzählt, was er Heiligabend vorhat: "Da bin ich wie jedes Jahr zwischen 13.30 und 14 Uhr bei Karstadt und warte auf die Lautsprecherdurchsage, dass ab sofort alle Weihnachtsgänse nur noch die Hälfte kosten."

Sonntag, 19. Dezember 2010

Terror-Clown

Man hat gerade sein Sakko frisch aus der Reinigung geholt und freut sich auf einen ruhigen und entspannten Kabarett-Abend. Da ist man aber bei Leo Bassis Programm „La Vendetta“ (Die Blutrache) schwer auf dem Holzweg.
Der Maniac Bassi verwandelt die Bühne im zum Trümmerfeld, schlägt Golfbälle und Eier in den Zuschauerraum und kommt bedrohlich, mit einer Schere bewaffnet, ins Publikum. Dann bohrt der Mittfünfziger Löcher in unzählige, unter Druck stehende, Cola-Dosen, so dass auf den vorderen Plätzen einige Zuschauer mit weißen Hosen panisch flüchteten. Darauf Leo Bassi lakonisch: „Das ist hier keine Blue-Man-Show!“
So was hat man noch nicht gesehen, der Mann ist ein Wahnsinniger! Mit unglaublicher Radikalität und vollem Körpereinsatz geht er radikal gegen kapitalistische Verblödung vor und arbeitet da­bei geschickt mit allen Techniken der Irritation. Es bleibt einem das Lachen im Halse stecken und man ist froh, wenn er wie­der auf die Bühne geht und das Sakko sauber geblieben ist.
Das alles untermalt Bassi zwischendurch mit rührend komisch vorgetra­genen kleinen Ge­schichten. Etwa wenn er pathetisch mit seiner an­genehmen Reibeisenstimme Erlebnisse in einem kenianischen Luxushotel mit Golfplatz für die weißen Imperialistenschweine er­zählt. Oder sein kurioser Aufenthalt in einem usbekischen Haus ei­nes ange­sehenen Taliban-Führers.
Leo Bassi sensibilisiert die Zuschauer. Sein Spiel mit der Angst be­rührt Tabus und stellt manches bloß. Er gibt alles und schont nie­manden, am wenigstens sich selbst. Wenn er sich nämlich am Ende seiner Show nackt auszieht, mit 5 Kilo Honig überschüttet, sich in einer Turbine federn lässt und danach triefend, wie eine Mischung aus Engel und Zombie, durch den Zu­schauerraum wankt. Vorsicht – diese Show ist nichts für schwache Nerven!
Nachdenklich und voller Adrenalin (ungefähr der gesamte Jahres­verbrauch) verlässt man seine unvergessliche Show – ach ja, und erleichtert. Denn das frisch gereinigte Sakko ist auch noch sauber geblieben.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Du bist was Du isst

Dienstagmittag bei Rogacki in der Wilmersdorfer Straße am Stehimbiss. Ein altes Ehepaar isst Bratfisch. Die Frau deutet mit der Gabel auf ein junges Paar, das am Feinschmeckerimbiss gegenüber Austern schlürft: "Kiek ma Orje, Kapitalisten!"

Dienstag, 23. November 2010

Klimawandel 2010

Nicht schlecht staunten die Besucher der Zugspitze, (Landkreis Garmisch-Partenkirchen) als sie dort überall riesige Speisepilze stehen sahen. Klimaschützer läuteten sofort die Alarmglocken und drängten Umweltminister Norbert Röttgen sofort zum handeln. Der entgegnete jedoch nur lapidar: „Ist doch nicht schlecht. Man muss das auch mal positiv sehen. Oder mögen Sie etwa keine Pilze?“

Montag, 22. November 2010

Bahn-Service

Donnerstagnachmittag im Intercity von Münster nach Berlin. Im 1.-Klasse-Abteil kommt die Kellnerin mit vollem Tablett torkelnd ins Straucheln, weil der Zug mit hohem Tempo über eine holprige Weiche fährt. Sie kann sich gerade noch fangen und schaut die Fahrgäste entschuldigend an: “Bin stocknüchtern – ich schwör’s!“

Sonntag, 31. Oktober 2010

Buchstabensuppe

Montagmorgen auf der Stresemannstraße. Zwei junge Leute, beide mit Rucksäcken, fragen, wo denn die "Typografie des Terrors" sei.

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Floraner: "Nüsse knacken ist Folter, Gemüseeintopf ist Mord!"

Sie verschmähen jegliche pflanzliche Nahrung, tragen weder Baumwolle noch Leinen – Floraner lehnen jede Nutzung von Pflanzen ab. Auch gemäßigte Floraner melden Zulauf: Die Deutschen essen immer weniger Gemüse und Obst, für Gemüse- und Obstbauern brechen magere Zeiten an. 

„Möhren werden brutal aus ihrer Erde gerissen, Äpfeln wird unter Qualen bei lebendigem Leib die Haut abgezogen, in Stücke geschnittene blutjunge Kartoffeln in siedend heißem Fett gequält – das alles mache ich nicht mehr mit“, sagt Thorsten Schlosser (46), seit fast zwei Jahren obst- und gemüselos. „Ein Radieschen hat auch Gefühle.“
Mit Thorsten Schlosser halten es nur zwei Prozent der Bundesbürger. Sie essen weder Obst noch Gemüse, obwohl in einer Fortsa-Umfrage zwölf Prozent der Meinung waren, „Gemüse ist ungesund.“.
Der Konsum aber sinkt beständig von 2005 bis heute von 120 auf 91 Kilo jährlich je Bundesbürger. Obstplantagen müssen schließen, viele Großmärkte schreiben rote Zahlen, Gemüseläden machen dicht. 
Der größte Feind der Obst- und Gemüsebranche ist dabei nach wie vor sie selbst. Berichte über qualvolle Enge in Gemüsetransporten, Blattläuse im Salat, Würmer in Äpfeln, eisenhaltiger Spinat, Kohlrabiwahn und Kartoffelpest, Gen-Tomaten, pflanzenverachtendes grausames Ernten und Umweltbelastung durch Kirschkerne verderben den Deutschen zunehmend den Appetit. 
Die konsequentesten und militantesten Kostverächter sind dabei die Floraner. Sie essen weder Obst noch Gemüse und verzichten dabei auf Kleidung aus Baumwolle und Leinen. Längst hat die Szene mit Zeitschriften („Erbsen- und Möhrenbefreiung aktuell“), Konzerte und Gruppen („Florane Offensive“) ein eigenes subkulturelles Netz geknüpft und bekocht sich selbst. Im Berliner Kiez-Treff „Jurke, wa!“ beispielsweise, einem autonom angehauchten Treffpunkt aus dem Stadtteil Kreuzberg ist jeden Freitagabend „Volxküche“: Da holen sich etwa 30 Jugendliche für fünfzig Cent „Kieselsteinsuppe mit Marmoreinlage“ ab. Diese Suppe soll, nach circa neunzehnstündiger Kochzeit sehr nahrhaft sein „und sehr, sehr lange vorhalten.“ Betonen die Jugendlichen. Sven Ebersbacher, einer der Volx-Küche-Köche musste zum Beispiel etliche Steinbrüche „bis nach Italien“ abklappern, bis er endlich das Rezept beisammen hatte. 
Auch für Floraner wird die Kleiderwahl zur Qual: Baumwolle und Leinen sind tabu. Wenn es kalt wird, trägt Ebersbacher Nyltest-Hemden aus den Sechziger Jahren, darüber einen neonfarbenen Trevira-Pullover. Gegen Regen schützt ein blauer Müllsack. 
Wenige Meter von Ebersbachers Volxküche entfernt liegt das Geschäft des Gemüsehändlers Gülan Özgül.  Nachts wurde es schon mit gemüsefeindlichen Parolen besprüht (siehe Foto). An einem Gemüsegroßmarkt halten Floraner jeden zweiten Mittwoch im Monat eine Mahnwache mit Transparenten wie: „Gemüse essen verursacht Gewalt gegen Pflanzen!“ 
Doch nicht immer so friedlich sind ihre Ziele: In Westfalen schlugen Floraner die Scheiben von zwei Gewächshäusern des „Blumenkohlbarons“ Heinrich Böckmann ein. Andere sabotierten vegetarische Restaurants oder sägen heimlich Gemüseregale in Bioläden an. In Mühlheim demonstriert „Vegetable Peace“ vor dem Gemüsegroßmarkt („Erbsen sind auch nur Menschen!“). 
Während die einen eine neue Ethik fordern, meint der österreichische Philosoph und Gemüserechtler Franz E. Pichelsteiner: „Wir brauchen für Gemüse keine neue Moral. Wir müssen lediglich aufhören, Gemüse aus der vorhandenen Moral auszuschließen.“ Die Befreiung von Obst und Gemüse sei deshalb heute ebenso wichtig, wie einst die Befreiung der Sklaven war. 
Thorsten Schlossers Traum vom Paradies aber ist, „irgendwann mal auszuwandern, da wo nur Steinbeißer leben, in eine Steinwüste oder so, ey…“

Sonntag, 10. Oktober 2010

Kindchenschema

Dienstagmittag vor Rogacki in der Wilmersdorfer Straße. Eine gestresste Angestellte räumt das gebrauchte Geschirr ab. Dann wirft sie einen Blick in einen in der Nähe stehenden Kinderwagen und sagt: "Sei froh, dass du noch nicht arbeiten musst."

Freitag, 8. Oktober 2010

Wo kommt eigentlich das Blaue Blut her?

Ein schmuckloser Hinterhof in Charlottenburg. Wir betreten eine große Fabrikhalle und werden von einem gepflegten Mittvierziger im klinisch reinen weißen Kittel begrüßt. Er stellt sich als Dr. Grewe und als der Leitende Parfümmeister vor. Derzeit arbeiten 20 Mitarbeiter bei BLAUES BLUT, davon über die Hälfte in der Produktion. „Das steigt jetzt aber bis zur Vorweihnachtszeit kontinuierlich auf 60 Mitarbeiter an“, sagt Dr. Grewe. 
Die Produktionsstätte sieht wie eine Hexenküche aus: Dampfende Laboreinrichtungen, Tiegel und Töpfe mit undefinierbaren Inhalten und an den Wänden Regale mit endlosen Reihen von Tinkturen und ätherischen Ölen. Über der Fabrikhalle liegt ein betörender Duft. 


Ein langer Tisch: Hier werden die Parfümfläschchen von flinken Fingern mit einem Etikett versehen. „Wir beliefern unser Parfüm neuerdings an eine große Kaufhauskette und sogar einige Königshäuser gehören zu unserer Kundschaft“ erzählt uns stolz Dr. Grewe. Doch welche, will er uns nicht verraten. „Top Secret!“ schmunzelt er. Bei soviel unerwarteter Resonanz hoffen er und der Graf von Blickensdorf , dass das BLAUE BLUT noch bekannter wird. Dafür sollen jetzt Werbespots sorgen. 
Auf seinem Schreibtisch liegen neben dem Wirtschaftsmagazin auch das Ratgeberbuch „Das Harvard Konzept. Der Klassiker der Verhandlungstechnik.“ Die BLAUES-BLUT-Macher haben noch viel vor.  Autorin: Bettina von Sell

Dienstag, 5. Oktober 2010

Westalgie

Dienstagabend im 100er Bus. Im Oberdeck sitzt ein sich anschweigendes älteres Ehepaar. Als der Fahrer am Reichstag vorbeifährt und die Station „Platz der Republik“ ausruft, ruft der Mann erleichtert aus: „Endlich wieder in Westberlin!“

Sonntag, 19. September 2010

Miesepetra

Freitagnachmittag im Café am Lietzensee. Es ist ein warmer, sonniger Spätsommertag. Ein altes Ehepaar setzt sich an einen Tisch am Wasser. Er: "Hier ist es wunderschön!" Daraufhin die Frau: "Wunderschön ist relativ."

Montag, 6. September 2010

Hauen und Stechen

Berlin. Mittwochnachmittag vor der Currystation 36 an der Otto-Suhr-Allee. Ein dicker Mann Anfang 50 isst mit Heißhunger seine Currywurst und wird dabei von einer Wespe belästigt. Wild fuchtelnd schlägt er nach ihr und wird prompt in den Unterarm gestochen - daraufhin erschlägt er sie und sagt: "Icke, icke bin Berliner, sticht mich  wer, den hau ick nieder."